Das christliche Menschenbild: 3. Die gefallene Natur des Menschen und deren Heilung

Quelle: Distrikt Deutschland

Die vier Kardinaltugenden

Im 2. Teil haben wir gesehen, dass Gott den Menschen für ein Leben in der übernatürlichen Gotteskindschaft bestimmt hat und die heiligmachende Gnade ihn in diesen übernatürlichen Zustand erhebt. Die menschliche Natur wurde allerdings durch den Sündenfall verwundet, und diese Wunden sind durch die Erlösung nicht einfach geheilt worden. Die heiligmachende Gnade hat darum nicht nur die Aufgabe, unsere Natur zu erheben, sondern auch zu heilen; sie ist gratia elevans et sanans.

Der Kampf zwischen Geist und Fleisch

Im Menschen sind zwei sehr unterschiedliche Prinzipien, nämlich Geist und Materie, zur Einheit der Natur verbunden. Es ist darum an sich nicht verwunderlich, dass es zwischen diesen beiden Prinzipien zu Unstimmigkeiten kommen kann, indem vor allem der Leib in ungeordneter und unvernünftiger Weise die Befriedigung seiner Begierden verlangt. Die Heilige Schrift spricht hier vom Kampf zwischen Geist und Fleisch, z. B. der hl. Paulus, wenn er schreibt: „Wandelt im Geist! Dann werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen. Denn das Fleisch begehrt wider den Geist und der Geist wider das Fleisch. Diese liegen miteinander im Streit“ (Gal 5, 16 f). Zweifellos spricht Paulus hier von dem durch die Erbsünde verwundeten Menschen, aber dieser Kampf ist schon in der Natur des Menschen grundgelegt.

Im Paradies war der Mensch von diesem Kampf allerdings durch besondere Gaben befreit, die man praeternaturale, d. h. außernatürliche Gaben nennt. Diese erhoben den Menschen nicht wie die heiligmachende Gnade in einen höheren Zustand, sondern vollendeten seine Natur. Dazu gehörte neben der Befreiung von der Notwendigkeit zu leiden und zu sterben sowie der Gabe eines vollkommenen Wissens auch die Gabe der Integrität, der Freiheit von der ungeordneten Begierlichkeit. Im Bericht der Heiligen Schrift ist dies dadurch angedeutet, dass Adam und Eva sich erst nach dem Sündenfall bekleideten, also erst jetzt die Notwendigkeit empfanden, sich vor der Übermacht des geschlechtlichen Begehrens durch die Verhüllung ihrer Blöße zu schützen. Vor der Sünde war es Adam und Eva ganz leichtgefallen, ihre Triebe zu beherrschen und sie nur in der von Gott gewollten Weise zu gebrauchen. Unmäßigkeit im Essen und Trinken, Unkeuschheit, ungeordneter Zorn usw. waren für sie also kein Problem.

Als Strafe für ihre Rebellion gegen Gott müssen die Menschen nun die Rebellion des Fleisches gegen den Geist ertragen. Nur mit einer gewissen Mühe behält die Seele noch die Herrschaft über den Leib, und dieser Kampf ist uns auch nach der Erlösung noch geblieben, wenn auch nicht mehr so sehr zur Strafe, sondern eher, damit wir dadurch größere Verdienste erwerben. Aber wenn man diesen Kampf nicht führt, dann kommt es schnell dahin, dass der Geist dem Leib dient.

Die Wunden der Seele und ihre Heilung

Die Ursünde hat die menschliche Natur nicht völlig korrumpiert, so dass sie jetzt zu nichts Gutem mehr fähig wäre, wie Luther behauptete, aber sie hat die Natur geschwächt. Der hl. Thomas spricht von vier Wunden, welche die Sünde unserer Natur zugefügt hat, nämlich die Wunden der Unwissenheit, der Bosheit, der Schwäche und der Begierlichkeit.[1]

Unserem Verstand fällt es jetzt schwerer, sich zu Gott und den ewigen Dingen zu erheben. So ist z. B. kein einziger heidnischer Philosoph zu einem irrtumsfreien Gottesbegriff gelangt, obwohl die Existenz Gottes und seine wesentlichen Eigenschaften grundsätzlich von der menschlichen Vernunft erkannt werden können. Der Mensch neigt überhaupt dazu, sich zu sehr in den irdischen Dingen zu verlieren und die ewigen Wahrheiten darüber zu vernachlässigen, selbst wenn er sie kennt. Das ist die Wunde der Unwissenheit (vulnus ignorantiae).

Der Wille des Menschen ist nicht mehr einfach auf das Gute ausgerichtet, sondern neigt zum Egoismus. Er hat oft die Neigung, sein Privatwohl dem eigentlich Guten vorzuziehen. Das ist die Wunde der Bosheit (vulnus malitiae).

Mit der Wunde der Schwäche (vulnus infirmitatis) ist gemeint, dass der Mensch oft zu schwach ist, für das Gute zu kämpfen. Er geht Anstrengungen und Leiden aus dem Weg und nimmt stattdessen lieber das Böse in Kauf, um seine Ruhe und Bequemlichkeit zu haben.

Die Leidenschaften und Begierden des Menschen regen sich oft außerhalb der rechten Ordnung. Sie verlangen ihre Befriedigung, auch wenn es dem Gebot Gottes oder auch nur der gesunden Vernunft entgegen ist. Das ist die Wunde der Begierlichkeit (vulnus concupiscentiae).

Für die Heilung dieser Wunden muss man die moralischen Tugenden üben. Seit Ambrosius spricht man von den vier Kardinaltugenden, denen man die übrigen moralischen Tugenden unterordnen kann. Diese Tugenden waren schon in der Antike bekannt, denn die Heiden kannten zwar nicht die Lehre von der Erbsünde, spürten aber doch die Unordnung in ihrer Natur und erkannten die Notwendigkeit, die menschlichen Kräfte in die rechte Ordnung zu bringen. Diese natürlichen Tugenden sind nichts anderes als gute Gewohnheiten. Wer z. B. gewohnheitsmäßig nur maßvoll isst und trinkt, dem fällt es meist nicht besonders schwer. Für den Christen geht es aber nicht bloß um den Erwerb natürlicher Tugenden, sondern diese Tugenden werden durch die Gnade in die übernatürliche Ebene erhoben. Beide Arten der Tugend unterscheiden sich durch das natürliche bzw. übernatürliche Ziel, das sie anstreben, und durch das natürliche bzw. übernatürliche Motiv, um dessentwillen sie geübt werden. Sie sind – nach einem Vergleich von P. Garrigou-Lagrange – wie zwei Töne, die denselben Namen tragen, aber durch eine Oktav voneinander unterschieden sind.

So strebt z. B. die philosophische Mäßigkeit danach, der zügellosen Esslust nicht nachzugeben, um die Gesundheit und Leistungsfähigkeit des Körpers zu erhalten. Die christliche Mäßigkeit übt dagegen aus Liebe zu Gott Zurückhaltung im Gebrauch der irdischen Genüsse oder auch, um Buße für die Sünden zu tun und dem leidenden Christus ähnlicher zu werden. Ziel und Motiv der übernatürlichen Tugend sind also viel höher und können von der natürlichen Tugend nicht erreicht werden.

Die Kardinaltugenden im Einzelnen

Durch die Tugend der Klugheit soll die Wunde der Unwissenheit geheilt werden. Die Klugheit macht den Verstand geneigt, immer die besten Mittel zu wählen, um das Ziel des menschlichen Lebens zu erreichen. Die übernatürliche Klugheit kann nicht ohne den Glauben bestehen, da der Glaube die Leuchte ist, die uns das übernatürliche Ziel (die Anschauung des dreifaltigen Gottes) sowie die Mittel zu diesem Ziel zeigt, welche unter anderem das Halten der Gebote Gottes, der Besuch der Messe und der Empfang der Sakramente sind. Ein Ungläubiger kennt weder dieses Ziel noch die Mittel, die dorthin führen, und kann daher sein Leben nicht danach einrichten. Darum mahnt die Klugheit uns zunächst einmal, unseren Glauben gut kennenzulernen. Viele Christen kennen kaum die Hauptwahrheiten der christlichen Lehre und haben darum auch nur eine nebelhafte Vorstellung davon, wie ein gutes christliches Leben geführt werden muss. Die Klugheit zeigt uns auch, dass jede überlegte Sünde eine Torheit ist, da es nie klug sein kann, dem Willen Gottes zuwiderzuhandeln und damit eine sichere Strafe auf sich zu ziehen. Vollendete Klugheit besitzt also derjenige, der bestrebt ist, alle seine Gedanken, Worte und Werke in bester Weise auf das letzte Ziel seines Lebens hinzuordnen.

Der Wunde der Bosheit ist die Tugend der Gerechtigkeit entgegengesetzt. Diese besteht in der steten Bereitschaft des Willens, einem jeden sein Recht zu gewähren (suum cuique – jedem das Seine). Die Gerechtigkeit ist die Grundlage des friedlichen menschlichen Zusammenlebens. Wo die Gerechtigkeit nicht gewahrt wird, versinkt ein Gemeinwesen entweder in der Anarchie oder wird zum Terrorregime. Zur Gerechtigkeit gehört auch die Tugend der Religion oder Gottesverehrung, denn wir müssen nicht nur dem Nächsten, sondern vor allem Gott geben, was ihm zusteht. Jedes Geschöpf hat die Pflicht, Gott zu ehren, ihm zu danken und seinen Willen zu erfüllen. Durch das Gebet und das Erfüllen der Gebote Gottes üben wir also die Tugend der Religion. Ihr höchster Akt ist die Feier des hl. Messopfers, denn hier haben wir gewissermaßen die Möglichkeit, Gott die ihm geschuldete unendliche Anbetung und Verehrung zu geben, da die Messe als Opfer Christi einen unendlichen Wert hat. Freilich können wir Gott dieses Opfer nur darbringen, weil er selbst es zuerst in unsere Hände gelegt hat, wie es im Gebet nach der Wandlung heißt: „Wir bringen deiner erhabenen Majestät von deinen Geschenken und Gaben ein reines Opfer dar, ein heiliges Opfer, ein unbeflecktes Opfer …“

Die Tugend der Tapferkeit disponiert die Seele, standhaft das Rechte zu tun, ungeachtet der entgegenstehenden Hindernisse, und heilt dadurch die Wunde der Schwäche. Diese Tugend benötigt man, um z. B. die Wahrheit des Glaubens standhaft zu bekennen und zu verteidigen, auch wenn man auf Widerspruch stößt oder verlacht wird. Zur Tapferkeit gehört auch das Ertragen aller Widerwärtigkeiten, Leiden und Verfolgungen, ja selbst des Todes. Das Martyrium ist darum die Krone der Tapferkeit. Ganz allgemein gesprochen, braucht es also die Tapferkeit, um den geistlichen Kampf auf sich zu nehmen und den engen und steilen Weg zu erklimmen, der gemäß dem Evangelium allein zum Himmel führt. Der Christ empfängt darum das Sakrament der Firmung, das ihn für diesen geistlichen Kampf ausrüstet.

Die vierte Kardinaltugend, die Mäßigkeit, hilft uns schließlich, im Gebrauch der irdischen Güter die rechte Ordnung zu bewahren. Die Mäßigkeit duldet kein Begehren in der Seele, das der rechten, von Gott gesetzten Ordnung entgegen wäre und heilt dadurch die Wunde der Begierlichkeit. Die geschaffenen Güter sind uns gegeben, um uns bei der Erlangung des letzten Ziels, der ewigen Seligkeit in Gott, zu helfen. Darum dürfen sie nur in dem Maß angestrebt werden, in dem sie uns zur Erreichung dieses Zieles helfen oder ihm wenigstens nicht entgegenstehen. Die Mäßigung betrifft also ganz allgemein unser Verhältnis zu den Geschöpfen, insofern sie für uns etwas Begehrenswertes haben. In besonderer Weise ist dieses Maßhalten in Bezug auf die sinnlichen Genüsse notwendig, denn unsere gefallene Natur hat eine starke Neigung, einen jedes Maß überschreitenden sinnlichen Genuss zu suchen. Die Mäßigkeit bewirkt also, dass wir sinnliche Genüsse nicht gemäß dem blinden Trieb der Natur, sondern nur gemäß der von der Vernunft und Offenbarung gezeigten Ordnung anstreben. Von ihrem Gegenstand her unterscheidet man die Genügsamkeit, die das rechte Maß im Essen anstrebt, die Nüchternheit, die alkoholische Getränke nur maßvoll gebrauchen lässt, und die Keuschheit, die die Betätigung des Geschlechtstriebs regelt.

Anmerkungen

[1] Vgl. S Th I-II, q.85, a.3.