Die Ecclesia-Dei-Gemeinschaften

Quelle: Distrikt Deutschland

Von Pater Matthias Gaudron

Nach den Bischofsweihen durch Erzbischof Lefebvre erlaubte Rom der neugegründeten Priesterbruderschaft St. Petrus, aber auch einigen anderen Gemeinschaften, die Benutzung des Messbuchs von 1962 sowie die Spendung der Sakramente und das Gebet des Breviers gemäß den vorkonziliaren Büchern. Für diese Gemeinschaften wurde in Rom eine päpstliche Kommission gegründet, die, in Anlehnung an das Motu proprio Johannes Pauls II. Ecclesia Dei adflicta vom 2. Juli 1988, den Namen Ecclesia Dei erhielt.

Unter Benedikt XVI. wurde diese Kommission der Glaubenskongregation angeschlossen und von Papst Franziskus schließlich 2019 aufgelöst. Die Gemeinschaften unterstehen jetzt direkt der Glaubenskongregation.

Die Ecclesia-Dei-Gemeinschaften behaupten, sie würden die gleichen Ziele wie die Priesterbruderschaft St. Pius X. verfolgen, aber in Einheit mit dem Papst. Wir sagen dagegen, dass diese Gemeinschaften es aufgegeben haben, die nachkonziliaren Übel an der Wurzel zu bekämpfen. Die Petrusbruderschaft und die anderen Gemeinschaften haben nämlich die Erlaubnis für die vorkonziliare Liturgie nur unter der Bedingung erhalten, dass sie das gesamte Konzil, also auch den Ökumenismus und die Laizität des Staates, anerkennen und die neue Messe gutheißen. Sie zelebrieren die überlieferte Liturgie daher kraft eines Privilegs, das ihnen zugestanden wird. Es sei ihr „Charisma“, sagen sie, den Schatz der überlieferten Liturgie zu bewahren, aber das bedeute nicht, dass sie die nachkonziliaren Reformen verwerfen würden.

Das ist mindestens die offizielle Haltung dieser Gemeinschaften. Es mag sein, dass einzelne Priester die Lage der Kirche ähnlich beurteilen wie die Priesterbruderschaft St. Pius X., aber laut äußern können sie das nicht, denn das nachkonziliare Rom würde ihnen ihre Privilegien sofort wieder nehmen, wenn sie öffentlich sagen würden, die neue Messe sei schlecht und im 2. Vatikanischen Konzil seien einige Punkte unannehmbar.

Die „lebendige“ Tradition

Papst Johannes Paul II. warf Erzbischof Lefebvre in seinem Motu proprio 1988 vor, einen unvollständigen Begriff von der Tradition zu haben, „der den lebendigen Charakter der Tradition nicht genug berücksichtigt, die, wie es das 2. Vatikanische Konzil aufs deutlichste lehrt, ‚…sich unter dem Beistand des Heiligen Geistes in der Kirche weiterentwickelt …‘ (Dei Verbum 8).“

Der Generalobere unserer Priesterbruderschaft, Don Davide Pagliarani, sagte am 15. Januar 2022 dazu: „Wohin kommt man … mit dem Begriff der lebendigen Tradition? Das konnte man 1988 kaum vorhersehen. Aber jetzt kommt man zu Amoris laetitia, man kommt zum Kult der Erde, man kommt zur Pachamama. Und es wird weitere Folgewirkungen geben, die wir noch nicht kennen, denn mit diesem evolutiven Begriff der Tradition … können Sie zu jedem beliebigen Ergebnis gelangen. Damit ist man in einer anderen Dimension; man ist von jener Tradition abgeschnitten, die in den Aposteln, in der Offenbarung wurzelt und die selbst eine Quelle der Offenbarung ist.“[1]

Johannes Paul II. gewährte den „Gläubigen, die sich an einige frühere Formen der Liturgie und Disziplin der lateinischen Tradition gebunden fühlen“, den Gebrauch dieser Liturgie. Aber für die römischen Behörden war das nur „ein Mittel, um sie schrittweise und vollständig zur ‚Konzilskirche‘ zu bringen“, sagte der Generalobere.

Die Freigabe der überlieferten Messe durch Benedikt XVI.

Die Rückführung der „Traditionalisten“ gelang jedoch nicht wirklich. Es lernten vielmehr neue Gläubige die alte Liturgie kennen und lieben. Nicht wenige fanden über die Ecclesia-Dei-Gemeinschaften auch den Weg zur Piusbruderschaft.

Als Papst Benedikt am 7. Juli 2007 die überlieferte Liturgie für alle Priester freigab, breitete diese sich noch mehr aus. Unter diesem Papst ging es den Ecclesia-Dei-Gemeinschaften gut. Die Hoffnung Benedikts, in der gegenwärtigen Krise der Kirche etwas verändern zu können, ohne die Wurzeln der Krise zu bekämpfen, war jedoch eine Illusion. Durch die neu erwachte Liebe zur alten Messe begannen viele Priester und Gläubige, sich kritische Fragen über die Liturgiereform und das Konzil zu stellen. Dies erzürnte natürlich die Anhänger des Konzils und der neuen Messe, die ihre vermeintlichen Errungenschaften zugrundegehen sahen, zumal die Novus-Ordo-Pfarreien mangels Priester und Gläubigen immer mehr zusammengelegt oder geschlossen werden müssen, wohingegen die Zahl der Orte, an denen die tridentinische Messe gefeiert wurde, wuchs.

Benedikt XVI. wollte den alten und den neuen Ritus harmonisieren, indem er sie einfach zu zwei Formen desselben Ritus erklärte, die sich gegenseitig befruchten sollten. Aber wer tiefer blickte, sah sehr wohl, dass hinter dem neuen Ritus eine ganz andere Theologie steht als hinter dem überlieferten Ritus mit seiner Betonung des Opfers, des Mysteriums und der Anbetung. Damit wurde dann auch die ganze Entwicklung, die die Kirche seit dem II. Vatikanum genommen hat, und sogar das Konzil selbst in Frage gestellt. P. Pagliarani sagte in dem genannten Vortrag, dass das Konzil selbstverständlich nicht nur Irrtümer enthalte. „Aber seien wir ehrlich und realistisch. Was das Konzil ausgemacht hat, was das Rückgrat des Konzils ist, das eigentliche Konzil, das ist das Konzil der neuen Messe, das ist das Konzil der Ökumene, das ist das Konzil der Menschenwürde, das ist das Konzil der Religionsfreiheit. Es sind diese Elemente, diese Irrtümer, die die Kirche verändert haben. Das wahre, wirkliche Konzil, das die Kirche erschüttert hat, ist dieses!“ Es sei die Illusion Benedikts XVI. gewesen, „die Wahrheit neben den Irrtum zu stellen“, aber das konnte nicht gelingen. „Dieses tatsächliche Konzil muss verworfen werden.“

Die weitere Entwicklung unter Papst Franziskus

Papst Franziskus nahm am 21. Juli 2021 durch sein Motu proprio Traditionis custodes die von Benedikt XVI. gewährten Freiheiten in Bezug auf die überlieferte Liturgie fast alle zurück. Gleich im Artikel 1 betonte er: „Die liturgischen Bücher, die von den heiligen Päpsten Paul VI. und Johannes Paul II. in Übereinstimmung mit den Dekreten des Zweiten Vatikanischen Konzils promulgiert wurden, sind der einzige Ausdruck der lex orandi des Römischen Ritus.“

Diözesan-Priester dürfen die alte Messe nun nur noch zelebrieren, wenn sie dafür eine Erlaubnis ihres Bischofs haben, und bei nach dem Erscheinen von Traditionis custodes geweihten Priestern kann der Bischof diese Erlaubnis nur geben, wenn er vorher den Apostolischen Stuhl konsultiert hat. Bischof Arthur Roche, der Präfekt der Gottesdienstkongregation, kommentierte dies in einem Brief an den Erzbischof von Westminster (London) folgendermaßen: „Die Verwendung früherer liturgischer Texte“ ist nur „aufgrund eines außergewöhnlichen Entgegenkommens und nicht aufgrund einer Förderung zu gewähren.“ „Dieses außergewöhnliche Entgegenkommen“ sei nur denjenigen zu gewähren, „die die Gültigkeit und Rechtmäßigkeit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils und des päpstlichen Lehramts anerkennen.“ „Der gesamte Inhalt des neuen Gesetzes ist auf die Rückkehr und Stabilisierung der Liturgie ausgerichtet, wie sie vom Zweiten Vatikanischen Konzil verordnet wurde.“

Für die Ecclesia-Dei-Gemeinschaften war es nach Traditionis custodes fraglich, ob die hl. Weihen bei ihnen überhaupt noch im alten Ritus gespendet werden dürften. Im Februar 2022 erhielten sie jedoch ein Dekret des Papstes, das ihnen den Gebrauch aller vorkonziliaren liturgischen Bücher weiterhin erlaubt. Es bleibt indes bestehen, dass sie die überlieferten Riten nicht aus Glaubensgründen, sondern nur „aufgrund eines außergewöhnlichen Entgegenkommens“ feiern dürfen. Zudem ist die Möglichkeit, Seelsorge zu betreiben, für sie sehr eingeschränkt. Wo sie keine Personalpfarrei betreuen, dürfen sie keine Taufen spenden, keine Erstkommunionen feiern, keine Ehen einsegnen und noch nicht einmal die Sterbesakramente spenden. Jeder Bischof kann ihnen die Zelebration der Messe außerhalb ihrer eigenen Häuser verbieten. Vor kurzem erzählte mir ein junger Mann, der für seine Urgroßmutter die Krankenölung wünschte, er sei von dem Pater der Petrusbruderschaft angewiesen worden, sich an den zuständigen Pfarrer zu wenden. Da dieser nicht kommen wollte, starb die Frau ohne die Sakramente.

Nach Traditionis custodes Art. 3 § 2 sollen neue Personalpfarreien für den überlieferten Ritus nicht gegründet werden, nach § 5 soll der Bischof überlegen, ob die bestehenden noch beibehalten werden sollen, und nach § 6 soll er die Entstehung neuer Gruppen nicht genehmigen. Die überlieferte Messe ist damit ganz klar ein Auslaufmodell! P. Pagliarani bezeichnete darum den Weg der Ecclesia-Dei-Gemeinschaften zurecht als „Sackgasse“. Darum kann man nicht empfehlen, die hl. Messe dort regelmäßig zu besuchen.

Eine Forderung des Glaubens

Das Festhalten an der überlieferten Liturgie ist eine „Forderung des Glaubens“, wie P. Pagliarani betonte. Der Glaube sei das notwendige Fundament für den gegenwärtigen Kampf und nicht ein Privileg, das Rom jederzeit zurücknehmen könne. Die überlieferte Liturgie wurde abgeschafft, weil sie eine Auffassung von der Kirche, vom geistlichen Leben und vom Priestertum ausdrückt, die man heute nicht mehr wünscht. Man duldet die Feier dieser Liturgie in einem gewissen Rahmen nur noch, um deren Anhänger nach und nach zur neuen Liturgie und zur neuen Auffassung von der Kirche zu führen.

Im Kampf für die Tradition geht es nun nicht bloß um die Bewahrung irgendwelcher liturgischer Schätze, sondern um die Bewahrung des Glaubens. Welche Rolle spielt hier die Priesterbruderschaft St. Pius X.? P. Pagliarani antwortete hierauf: „Menschlich gesehen sind wir nicht besser als die anderen. … Unsere Stärke liegt im Glauben und in der Tradition. Unsere Stärke liegt in der Messe, und zwar in der Messe als Fahne und Banner dieses Glaubens und dieser Tradition. … Wir wollen diese Messe nicht nur für uns selbst, sondern wir wollen sie für die gesamte Kirche. … Es ist kein Privileg, das wir erbitten, sondern wir wollen ein Recht für uns und für alle Seelen. … Wir wollen nur zwei Dinge: den Glauben und die Messe. Die Lehre und das Kreuz. … Wenn wir diese Ausrichtung beibehalten, wird die Priesterbruderschaft St. Pius X. immer und vollkommen ein Werk der Kirche sein, das im Herzen der Kirche selbst wirkt und kein anderes Ziel hat, als – in und für die Kirche – das Heil der Seelen zu wirken.“

 

Anmerkungen

[1] Die Tradition bewahren und weitergeben, Vortrag in Paris zum Abschluss des XVI. theologischen Kongresses des Courrier de Rome in Zusammenarbeit mit DICI. Der Vortrag ist unter https://fsspx.news/de/news-events/news/die-tradition-bewahren-und-weite… abrufbar.