Das Geschenk des Vaters

Quelle: Distrikt Deutschland

In der Ehe sind zwei Menschen durch ein lebendiges Band mit dem Brautpaar Christus-Kirche verbunden. Sie leben in besonderer Weise das Wort Jesu: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Rebzweige.“ Aber warum hat Gott ein Ehepaar so eng mit Christus und der Kirche verbunden? Was hat er sich dabei gedacht?

Es ist eigentlich einfach: Ein Zweig lebt das Leben des Baumes mit. Wenn wir einen Zweig knicken, tun wir es am Baum. Wenn ein Vogel im Baum sitzt, hockt er auf einem Zweig. Wer einen Zweig anschaut, sieht auch den Baum. Zweig und Baum haben dasselbe Leben. Und hier können wir auch ahnen, warum Gott uns das herrliche Sakrament geschenkt hat: Er will, dass die ganze Familie das Leben des himmlischen Brautpaars erlebt und daran wächst.

Die Kinder

Da sind zunächst die Kinder: Sie sind die Lieblinge Jesu und sollen von Anfang an erleben, dass Christus und die Kirche sie mit einer herzlichen Liebe und Güte lieben. Christus hat sein Leben aus Liebe hingegeben, um die Kinder Gottes zu retten und ihnen eine ewige Heimat im Himmel zu schenken. Die Kirche atmet die gleiche Liebe zu den Kindern Gottes. Sie tut alles, um diese Kinder die Liebe Gottes spüren zu lassen.

Es ist ja die Wirkung des Ehesakraments, dass die Liebe zwischen Christus und der Kirche in die Herzen der Eltern gegossen ist. Sie dürfen und sollen ihre getauften Kinder mit derselben Liebe lieben, die auch im Herzen der Kirche und Christi brennt. Man kann nur darüber staunen, dass die Eltern diese Liebe nicht nur nachahmen dürfen, sondern dass es tatsächlich dieselbe Liebe ist, die auch in Christus und der Kirche lebt. Das ist für die Eltern eine ganz große Chance, den Kindern Gutes zu tun, und entspricht so dem tiefen Wunsch der Eltern, ihren Kindern nur das Beste zu geben.

Die Eltern erziehen, sorgen vor und beschenken ihre Kinder. Ob sie das Brot auf den Tisch stellen, die richtige Schule aussuchen, die Kleidung besorgen, ob sie die Kinder trösten, ermahnen, erinnern, erfreuen oder ob sie ihnen die Fehler verzeihen und wieder Mut machen, all das ist zugleich ein Tun von Christus und der Kirche. Ihre Barmherzigkeit und Liebe ist eine Botschaft und ein Gruß vom Herzen Jesu und von der Kirche.

Zugleich erleben die Kinder, wie Vater und Mutter in großer Liebe und Respekt verbunden sind. Sie bilden eine Einheit wie Christus und die Kirche. Der Vater achtet und liebt die Mutter, wie Christus die Kirche liebt und alles für sie tut. Die Mutter steht ihrem Ehemann beiseite, wie die Kirche ganz für das Werk Christi da ist. Diese Einheit von Vater und Mutter ist für die Kinder die größte Freude. In manchen Familien sind die Kinder unruhig und fast traurig gestimmt. Wenn man dann ein wenig nachforscht, entdeckt man, dass Vater und Mutter in ständigem Streit und Disput leben. Sicher ist es normal, dass es ab und zu Meinungsverschiedenheiten gibt. Das ist kein Problem, solange die Differenzen ruhig und normal besprochen werden. Was aber den Kindern auf Dauer schadet, ist ständiger Streit und ständige Spannung. Es schadet auch immens auf religiösem Gebet. Die Kinder sollen erleben dürfen, wie stark Christus und die Kirche verbunden sind; in solchen Familien aber empfangen sie die Botschaft, dass zwischen Christus und der Kirche ständig Streit herrsche – eine absurde Botschaft, die auch auf religiösem Gebiet verunsichert.

Das wird noch schlimmer, wenn zwischen den Eltern eine Art Machtkampf besteht, wer am meisten zu sagen hat, oder wenn die Mutter versucht, den Vater und die Kinder zu beherrschen. Auch das ergibt eine absurde Botschaft für die Kinder, nämlich, dass die Kirche über Christus und die Kinder Gottes herrschen wolle.

Das Ehepaar

Nach den Kindern sind es die Ehegatten selbst, die aus dem Ehesakrament eine große Liebe schöpfen dürfen. War es nicht am Hochzeitstag der größte Wunsch, dass die Liebe für immer halte und sogar wachse? Genau diesen Wunsch erfüllt das Sakrament, wenn es in die Herzen der Eheleute dieselbe Liebe eingießt, die das göttliche Brautpaar verbindet. Christus ist ja Mensch geworden und hat alles angenommen, was typisch menschlich ist, die Sünde ausgenommen. Schon vor der Ursünde im Paradies gab es zwischen Adam und Eva eine herrliche bräutliche Liebe. Noch größer als diese ist die echt menschliche und bräutliche Liebe, die im Herzen Christi wohnt. Von ihr sagt die Braut im Hohelied: „Schöner als Wein ist Deine Liebe.“1 Diese bräutliche Liebe findet sich auch im Spiegel des Herzens Christi, im Herzen der Kirche. Diese Liebe also dürfen die christlichen Eheleute einander schenken und sogar darin wachsen. Anstatt dass sie nur auf die Kräfte des eigenen Herzens bauen, dürfen sie aus den Herzen Christi und der Kirche schöpfen. Auch hier gilt das Wort des Propheten Isaias: „Ihr werdet in Freuden schöpfen aus den Quellen des Heilands.“2 Jedes liebe Wort, jede Freude, die man dem Partner macht, alle Zeit, die man dem anderen schenkt, alles das darf man aus dem Sakrament schöpfen. Wie das Ehepaar von Kana die Hochzeit mit dem Wein Jesu weiterfeiern konnte, der auf einmal in ungeheurer Menge und höchster Qualität da war, so wird den Eheleuten hier ihr tiefster Wunsch erfüllt!

Die Umgebung

Nicht nur die Familie soll durch die lebendige Gegenwart von Christus und der Kirche aufgebaut und ermutigt werden. Jede gut gelebte Ehe ist eine Verherrlichung Gottes und ein Leuchtturm für die Umgebung, ob kirchlich oder gesellschaftlich. Das gilt besonders für kinderlose Ehen, die manchmal schwer unter ihrem Los zu leiden haben. Auch diese Ehen sind sehr wertvoll und wichtig. Denn wenn sie ein blühender Zweig des göttlichen Brautpaares sind, ermutigen sie ihre Umgebung und geben ein herrliches Zeugnis vom Urgeheimnis der Schöpfung und Erlösung. Gottes ewiger Plan besteht ja darin, Christus, das Lamm Gottes, und dessen Braut, die Kirche, zu verherrlichen. Der Himmel wird das ewige Hochzeitsmahl des Lammes sein.3 „Das Himmelreich ist gleich einem König, der die Hochzeit seines Sohnes feierte.“4 Wegen dieser Hochzeit hat Gott die Welt erschaffen und erlöst und leitet sie in allmächtiger Vorsehung. Jedes Ehepaar, das mit den Gnaden des Ehesakraments treu mitarbeitet, auch wenn es kinderlos bleibt, ist für die Kirche und die Welt ein Licht von oben und erinnert an das „große Geheimnis“5 , das Gott von Anfang an geplant hat. Wir brauchen heute wieder Ehepaare, deren Leben von diesem großen Plan Gottes spricht und die nicht in Pessimismus und Mutlosigkeit dahinleben. Viele junge Leute haben keinen Mut mehr zu heiraten, auch weil sie so viele gescheiterte oder zerstrittene Ehen erlebt haben. Zugleich erleben wir einen Generalangriff auf die Ehe durch Pornographie, Scheidung, Abtreibung, Genderismus und Homo-Propaganda. Der Teufel kämpft wütend gegen das große Geheimnis des Ratschlusses Gottes. Gerade heute brauchen wir wieder blühende Ehepaare, die durch ihr Leben auf Seiten ihrer göttlichen Freunde Christus und Kirche stehen. „Ihr seid das Licht der Welt!6

Gefährdete Ehen

Aber man könnte einwenden, dass das an der Realität vorbeigehe. Was ist mit diesen vielen, durchaus christlichen Ehen, wo einfach keine Harmonie mehr da ist, wo viel Spannung herrscht, ja Zerrissenheit, Enttäuschung, Bitterkeit, unterdrückte Wut oder offener Streit? Malt man hier nicht ein Idealbild, das diese Ehen noch mehr entmutigt?

In diesem Fall muss man anschauen, was zu der Situation geführt hat. Sie ist nämlich das Ergebnis einer Entwicklung, bei der man mit der Zeit den Mut verloren hat. Das Ertragen der Fehler oder Eigenheiten des Partners ist mit der Zeit immer schwieriger geworden, sodass man am Ende resigniert hat. An diesem Punkt tritt eine entscheidende Veränderung ein. Statt es weiterhin mit christlichen und übernatürlichen Wegen zu versuchen, hat man auf rein menschliches Verhalten umgestellt. Fehler werden dann mit Ungeduld beantwortet, die Verschiedenheit der Charaktere wird bekämpft mit den ewig gleichen Vorwürfen, Forderungen werden immer heftiger vorgetragen. Auf einmal herrscht der „alte Mensch“ in uns, dieser alte Mensch, der im Gegensatz zum neuen Menschen nur Unglück bringt. War es nicht dieser alte Mensch in uns, der zu immer neuen Sünden geführt hat, ja der Christus ans Kreuz geschlagen hat? Und eben diesem Menschen vertrauen wir dann das an, was uns eigentlich so wichtig ist: die Liebe und Beziehung zu den Menschen, die uns nahestehen. Das ist ein Drama, das sich immer weiter steigert und nur noch mehr Streit und Spannung ins Leben bringt. Am Ende steht die Kapitulation vor der gefallenen menschlichen Natur. Man hat versucht, diese Natur zu ändern und besser zu machen, aber es ist nicht gelungen. Man lässt die Hände sinken und resigniert.

Ehe und Erlösung

Hier stellt sich radikal eine uralte Frage: Was bringt den Menschen dazu, besser zu werden? Man hat es versucht mit besserer Erziehung, mit kategorischem Imperativ, mit Moralismus, mit hochstilisierten Menschenrechten – es hat alles nicht den entscheidenden Durchbruch gebracht.

Richten wir den Blick auf Christus: Wie steht er zu dieser Frage? Wenn es einen Weg gibt, muss er ihn uns lehren. Seine Antwort ist: Der Mensch wird nicht besser durch Vorschriften und Gebote, nicht durch Vorwürfe oder Drohungen, sondern einzig und allein durch immer neues Verzeihen, immer neue Chancen, immer neue Anfänge. Angesichts des gewaltigen Gewichts der Schuld der Menschheit tritt Gott dem Menschen demütig, sanft und gütig und freundlich gegenüber. Ist das nicht die Freude eines christlichen Lebens, dass man immer und immer wieder Verzeihung erhält und neue Chancen, neue Anfänge. Was würde aus uns, wenn Gott uns so wenig neue Chancen geben würde, wie wir es mit den Menschen tun? Unser Leben wäre schnell zu Ende! Man muss einmal verstehen, dass der Mensch konkret nur durch Vergessen der Vergangenheit, durch Verzeihung und neue Gnade gebessert wird. Das ist der einzige Weg; wenn es einen besseren Weg gäbe, hätte Christus ihn uns gezeigt.

Erinnern wir uns an die letzte gute Beichte und an das befreite Gefühl, das sie uns geschenkt hat: Alles ist verziehen und vergessen, eine neue Chance hat sich aufgetan, und eine tiefe Freude bewegt das Herz. Und aus dieser Verfassung heraus durften wir unseren Lebensweg fortsetzen und waren gerne bereit, es wieder zu versuchen. So will Gott den Menschen zum Guten verändern, alle anderen Wege scheitern. Man kann durchaus eine „gescheiterte“ Ehe mit dem Zustand vergleichen, wenn man jahrelang nicht zur Beichte gegangen ist: Alles ist mühselig, friedlos und dunkel. Wir Menschen brauchen diese Liebe, die sieben mal siebzig Mal verzeiht, anders geht es nicht.

Woher kommt diese immer neue Chance, die erneuerte Freude am Guten? Sie kommt aus der Beichte, in der uns Christus und die Kirche ihre Liebe schenken. Der Priester ist ja nur Werkzeug dieser Liebe. Letztlich ist jede Beichte ein Geschenk von Christus und der Kirche, eine Begegnung mit ihrer Liebe. Und genau diese Liebe ist ja auch in die Herzen der Eheleute gesenkt. Hier will sie das Gleiche tun, was sie auch in der Beichte tut: Verzeihen und Vergessen des Schlechten und Öffnung einer neuen Zukunft. So ist das Ehesakrament vom gleichen Geist beseelt wie die Beichte: Vergessen, Verzeihen, Neuanfang.

Die Liebe von Christus und der Kirche ist nämlich wesentlich eine erlösende, befreiende Liebe, eine Liebe, die genau weiß, was der Mensch wirklich braucht. Verzeihung und Barmherzigkeit sind nicht Ausnahmen für Sonderfälle, sondern unser tägliches Brot. Vielleicht liegt schon in diesem Gedanken ein Wendepunkt für manche Ehe, die nicht mehr weiter weiß ...

Hier zeigt sich wieder ein Grundzug aller Sakramente: Sie sind Brennpunkte des Erlösungsgeschehens. Auch die Ehe zweier Menschen soll nicht nur allgemein von Christus und der Kirche erzählen, sondern ganz konkret an die verzeihende und heilende Liebe Gottes erinnern. Die Ehe ist eben ein sichtbares Zeichen der Gnade und Barmherzigkeit Gottes. Nicht umsonst hat Maria bei der Hochzeit von Kana gesagt: „Alles, was Er euch sagt, das tut!“

Von Pater Ludger Grün

  • 1Hl 1,1
  • 2Is 12,3
  • 3Apok 19,6
  • 4Mt 22,1f.
  • 5Eph 5,32
  • 6Mt 5,14