Petrus Canisius – Glühendes Feuer in Mitteleuropa

07. April 2021
Quelle: Distrikt Deutschland

Der Kampf für die Reinheit des Glaubens, für die wahre Liebe zu Gott wird zu jeder Epoche auf eine neue Art und Weise ausgetragen. Neue Krisen erfordern neue Gegenmittel und Methoden. Unser Vorbild aus dem 16. Jahrhundert war kein trockener, weltfremder Gelehrter. Das Volk liebte ihn, die Kinder liefen ihm auf der Straße zu. Für arme Schüler sammelte er Geld. Die jungen Leute folgten ihm wie einem Vater. Er ging auch in die Spitäler und besuchte die Kranken. Andersgläubige zollten ihm Respekt und Hochachtung, weil er ein Mann mit Güte und Feingefühl war.

Er tat alles, um die Menschen für Gott und seine Kirche zu gewinnen. Nie rückte er aber auch nur um ein Jota vom wahren Glauben ab.

Unser Held des Glaubens und zugleich Retter der Kirche in Mitteleuropa während der Wirren der sogenannten „Reformation“ ist Petrus Canisius. Er war nicht blind für die Missstände in der Kirche, aber seine Reaktion war keine Revolution der Bitterkeit, des Eigendünkels oder des Ausnutzens der Schwachstellen, sondern ein positiver Wiederaufbau in den eigenen Reihen, durch ständiges Geben ohne zu zählen, durch unerschütterliches Kämpfen ungeachtet der eigenen Verwundungen, wissend, dass letztendlich der liebe Gott den Sieg geben wird: Ein wahrer Sohn des hl. Ignatius von Loyola.

Petrus Canisius wusste, dass ein Streben nach Einheit auf Kosten der Wahrheit nie zur wahren Einheit führen kann. Er liebte seine hl. Mutter Kirche ungeachtet der menschlichen Schwächen und Defizite, die sie alle Jahrhunderte hindurch befleckt hatten. Er wusste, dass es die hl. Kirche braucht, um die Reinheit des Glaubens, der Wahrheit zu wahren. Er wusste aber auch, dass der Mensch ein allzu schwaches und empfindliches Wesen ist und allzu oft mit viel Takt und Feingefühl behandelt werden muss, um in der Seele den Samen des Evangeliums zu pflanzen. Dabei kommt es nicht nur auf hohe Bildung, gewaltige Predigten und schlagende Argumente an, sondern vor allem auch auf das eigene gelebte Vorbild und Beispiel.

Petrus Canisius wurde für ein halbes Jahrhundert zum wortgewaltigen Vorkämpfer der katholischen Glaubenserneuerung nördlich der Alpen. Er verstand aus tiefster Seele die ganze Tragik und das Elend eines Volkes, das sich vom wahren Glauben löste. Er sagte einmal: „Unendlich viele Protestanten hängen der neuen Lehre im guten Glauben an, ohne Streitsucht, Verbissenheit und Verstocktheit. So gerne möchte ich ihnen das ewige Heil verschaffen, müsste ich auch mein Blut für sie vergießen.“ Der innerste Antrieb seines Handelns war also die große Liebe zu Gott und den Seelen, zu den Seelen, die unsterblich sind, ewig leben. Er wurde für viele Menschen Lichtträger und Heilbringer, riß viele aus ihrer Gleichgültigkeit und entzündete in den Herzen wieder das heilige Feuer der Begeisterung für Christus und seine Kirche.

Wir wollen nun an Hand seiner „Confessiones“ und seines „Testamentes“ das Leben und Wirken des zweiten Apostels Deutschland betrachten und dabei so oft wie möglich den Heiligen selbst sprechen lassen, um möglichst viel aus seinen demütigen und tiefen Aussagen für unser eigenes Leben mitnehmen zu können.

Am 8. Mai 2021 feiern wir den 500. Jahrestag seines Geburtstages. Ursprünglich hieß er Peter Kanis. Seine Wiege stand in Nymwegen, der ältesten Stadt Hollands, wo bereits Karl der Große eine Kaiserpfalz gegründet hatte.

Seinen Eltern und Erziehern war er ein Leben lang dankbar verbunden: „Meine Eltern waren in den Augen der Welt angesehen, recht wohlhabend und blieben - was weit wichtiger ist - bis zu ihrem Ende rechtgläubige Katholiken. Denn damals hatte bereits die unselige Irrlehre Luthers sich zum Verderben vieler in beiden Teilen Deutschlands auszudehnen begonnen und suchte mit ihren schönen Reden und ihrer Salbung auch die Herzen der Arglosen zu verführen. Gesegnet seien meine Eltern und Verwandten, meine Wohltäter, Freunde, Lehrer und alle, die von frühester Kindheit an für meinen Leib und meine Seele gesorgt sowie bei meiner Ernährung, Erziehung und Ausbildung ihre treue Liebe auf jede nur mögliche Weise an den Tag gelegt haben! Gesegnet seien sie, sage ich; möge einem jeden von ihnen für die zeitlichen Wohltaten, die sie mir erwiesen haben, durch Christus der ewige Lohn zuteilwerden!

Aber ich bitte dich, o ewiger Gott, bei deiner unendlichen Liebe, du mögest Vater und Mutter jede Sünde verzeihen, die deine Gerechtigkeit vielleicht noch an ihnen entdeckt und straft. Dem Vater fehlte es gewiss nicht an Gelegenheit zur Sünde, da er viele weltliche Ehrenämter bekleidete, in seiner doppelten Ehe durch mannigfache Genüsse gefesselt wurde und im Dienst der Stadt und der Großen häufig in wichtige Geschäfte verwickelt war."[1]

Verschiedene böse Neigungen der verdorbenen Natur hafteten auch unserem Heiligen an. Voller Reue darüber schreibt er: „In der Tat, vieles habe ich als Knabe gedacht, vieles begehrt, vieles gesprochen, vieles geplant, vieles unterlassen, was sich für einen christlichen Knaben nicht ziemte. Es hat dieses Alter seine besonderen Fehler, mit denen ich das von dir, o Herr, empfangene und mir anvertraute hochzeitliche Kleid damals zu entweihen begann. Wehe mir, wie nutzlos habe ich die Stunden, die Tage, die Nächte, die Wochen, die Monate und die Jahre verbracht! Wie eitel, hilflos und töricht war ich! Einen guten Teil der Zeit vergeudete ich durch Müßiggang, Spiele, Possen, Albernheiten, Herumschweifen und allerlei jugendlichen Zeitvertreib. Wie oft habe ich damals die Wärterinnen, die Eltern, die Altersgenossen und andere, die mich zum Guten ermahnten, verachtet, beleidigt oder nicht nach Gebühr geehrt! Langsam und widerwillig kam ich vielfach meinen Pflichten nach, während ich mich zu eitlen Dingen und gewissen Begierden unaufhaltsam hinreißen ließ gleich einem ungebändigten jungen Maultier oder einem übermütigen Kälblein. Schlimmer aber war, dass ich mit der Zeit gute Ermahnungen hörte und nicht beachtete, die Stimme deines Engels und meines Gewissens zurückwies und gegen das Gesetz der Vernunft förmlich ankämpfte. Ich habe die Gebote beider Gesetzestafeln unbesonnen übertreten und bin umso weiter vom Lichte der Vernunft und von jeglicher Rechtschaffenheit abgewichen, je mehr ich an Einsicht zunahm und das Wahre vom Falschen unterscheiden lernte.

‘Der Sünden meiner Jugend und meiner Verirrungen gedenke nicht.‘[2] denn was kann ich dir für jene ersten Jahre, die in der Hauptsache nur aus unzähligen Fehltritten einer so leicht ausgleitenden Jugend bestehen, anders darbieten als das Opfer eines zerknirschten Herzens und eines gedemütigten Geistes, wodurch du dich gern versöhnen lässt.“

Wenn Petrus auf seine Jugendzeit zurückschaut, stellt er mit Demut fest, dass er ohne die Sakramente und die Hilfe eines ausgezeichneten Lehrers und Erziehers tief gefallen wäre: „Wehe sonst mir Armen, besonders in der zarten, leicht ausgleitenden Jugendzeit, wenn ich deiner wirksamen Leitung und des häufigen Empfanges der Sakramente entbehrt hätte und, solcher Hilfsmittel beraubt, bei der großen Schwäche unseres Fleisches gleich einem Lasttier im Unrat verblieben wäre!

Aber auch darin erfuhr ich sehr deine Hilfe, dass ich, den Kinderschuhen entwachsen, als Jüngling von fünfzehn Jahren zu Köln einem so ausgezeichneten Erzieher übergeben wurde, wie dies der fromme und überaus gottesfürchtige Nikolaus Esch war, der mich wie ein ausgelassenes Kälblein unter das heilsame Joch beugte und mich in aufrichtiger Liebe durch seine täglichen Ermahnungen und durch sein Beispiel zu einem tugendhaften Leben anleitete.

Niemand war mir, soviel ich mich erinnere, damals teurer und vertrauter, und sein Urteil hatte bei mir solch großes Ansehen, wie es sich nur ein Vater von seinem Sohn wünschen kann. Nicht bloß in der Beichte - und ich beichtete oft - erschloss ich ihm mein ganzes Inneres; auch vor dem Schlafengehen setzte ich ihm in freundschaftlicher Aussprache - so groß war mein Vertrauen - die Fehltritte, Missgriffe und Makel meiner Seele auseinander, um vor ihm als Richter Rechenschaft über meine Fehler und den vergangenen Tag abzulegen und, wenn er es wollte, auch eine Strafe für meine Sünden zu übernehmen. Esch gab mir auch den klugen Rat, täglich einen Abschnitt aus den vier Evangelien zu lesen und mir daraus einen Spruch, der besonderen Eindruck auf mich gemacht hatte, zu merken und dem Gedächtnis einzuprägen, um ihn tagsüber zu erwägen.“[3]

Petrus Canisius schildert uns seinen Kampf um die Reinheit und gibt auch Ratschläge für Jugendliche und Erzieher. Vor allem zielt er aber hin auf das Vorbild unseres Herrn: Die Ehelosigkeit um des Himmels willen.

„Ich würde mich schämen, einzugestehen, was ich damals zu tun mich nicht schämte[4]. Ich aber ziehe jetzt aus meinen eigenen Sünden und denen anderer, die damals nur zu oft vorkamen, die Nutzen, dass ich das Los der Kinder vornehmer Herkunft mehr und mehr bedauere. Denn sie werden in unserer Zeit so verhätschelt und verzogen, dass man ihre Eltern, Erzieher, nächsten Verwandten, Bekannten und Freunde geradezu ihre schlimmsten Feinde nennen muss. Von diesen wird dies zarte Alter vielfach auf erbärmliche Weise verdorben. Es wird nicht nur von der Pflege und Übung der Frömmigkeit abgelenkt, sondern auch zu Stolz, Verschwendung und Ausschweifung angeleitet sowie durch die schlimmsten Grundsätze und Beispiele im häuslichen Kreis zur Sünde verführt. Möchten sie doch achthaben auf die Blume der Jungfräulichkeit, die in diesem Alter am schönsten blüht und am meisten empfohlen werden muss! Freilich nichts ist zarter und hinfälliger als sie. Einmal abgefallen, ist die Tugend dahin; die Reue kommt zu spät, der Verlust ist unersetzlich. Denn einmal verloren kann die Jungfräulichkeit nie wieder hergestellt werden. O, wenn die unschuldigen jungen Leute doch ihren Reichtum erfassten! Mit welcher Vorsicht und Behutsamkeit würden sie dann den unversehrten und wahrhaft goldenen Schatz der Keuschheit umhertragen und behüten, welch heiße Kämpfe würden sie darum führen, wie sorgfältig würden sie den in der eigenen Brust wohnenden Feind, der im Fleische kämpft, bewachen und niederhalten! Nie würden sie gewiss zulassen, dass durch einen Gedanken oder eine Berührung an sich oder anderen das Schamgefühl Schaden litte und die heilige Reinheit befleckt würde, sondern wie schlagfertige, wohl gerüstete und von heiligem Zorn entbrannte Krieger würden sie sich auf den Feind stürzen, sobald er mit seinen Lockungen hervorbricht.

Du hast meinen Leib vor schändlicher Unzucht bewahrt und nicht zugelassen, dass ich mich mit irgendeiner Frau einließ. Ich weiß indes wohl, o Herr, dass ich weder enthaltsam sein kann noch je hätte sein können, wenn du nicht helfen würdest. Durch den Strom deiner Gnade löschst du die glühenden Flammen der Begierlichkeit aus und machst das Joch des Gelübdes der Keuschheit, das die freiwillig Entmannten des Evangeliums[5] auf sich nehmen, nicht nur erträglich, sondern sogar leicht, süß und angenehm. Als ich nun, wenn ich nicht irre, neunzehn Jahre alt war, hast du mir auch den vollkommenen Entschluss eingeflößt und verliehen, dass ich dir aus freien Stücken meine Jungfräulichkeit weihte und mich aus Liebe zur Jungfräulichkeit durch ein Gelübde zu immerwährender Ehelosigkeit verpflichtete. Ich habe diesen Schritt nie bereut.

Wir haben hundert Beispiele von Jungfrauen, die sehr vornehm und schön waren; ihnen lag mehr an der Bewahrung der Keuschheit als an der des Lebens.

Und wir Männer verschmähen diesen Kampf mit dem Fleisch und entweihen den Tempel des Heiligen Geistes, den wir in unserem Leib verherrlichen und tragen sollen!

Wehe, wehe denen, die Gottes heilige Tempel entweihen und den Heiligen Geist belügen[6]!“[7]

In Köln lebte Petrus Canisius etwa bis zum 25. Lebensjahre. Hier erlangt er seine Magisterwürde und wird zum Priester geweiht: „Am Montaner Gymnasium, an dem ich nach deinem Willen den schönen Wissenschaften oblag, erlangte ich den Grad eines Magisters. Ich begann, von deiner Gnade unterstützt, zum ersten Mal die heiligen Wissenschaften zu lehren und zu predigen; in Köln wurde ich zum Subdiakon, Diakon und Priester geweiht, und zwar nicht infolge meiner Verdienste, sondern nur durch deine Güte, ewiger Hoher Priester, sowie auf Empfehlung meiner Obern, damit ich ja durch die Tür einginge und kein öffentliches Amt in deinem Haus versähe, ohne durch die Nachfolger der Apostel in der katholischen Kirche meine Stellung erhalten zu haben.“[8]

Der hl. Petrus Canisius stellte sich ernsthaft Fragen über seine Zukunft. „Wer bin ich, woher komme ich, wohin gehe ich?“ Er weiß, dass wir nur ein Leben haben. Wer dieses Leben verpfuscht, verspielt sich die Ewigkeit. Die Frage lautet also konkret: Was muss ich tun, welche Mittel, welchen Lebensstand ergreifen, um gerettet zu werden? Und so kam es, dass er in den Jesuitenorden eingetreten ist: „Auch das war ein Geschenk der göttlichen Gnade, dass ich schon als Knabe ernstlich über die Wahl einer heilsamen, mir zusagenden Lebensweise nachsann und mit besonderem Vertrauen betete, Gott möchte sich mir huldreich erweisen. Der Allerhöchste kam diesen Wünschen entgegen: Ich lernte Pater Faber kennen und dieser gute Pater nahm mich bei meiner Ankunft in Mainz, obwohl er mich vorher noch nicht gesehen hatte, sofort liebevoll auf und gewährte mir in seiner Wohnung beim Pfarrer von Sankt Christoph gütigst Unterkunft und Belehrung. Er gab mir den klugen Rat, ich möchte, falls ich geistliche Unterweisung suche und Richtlinien für mein Gewissen wünsche, einige Zeit bei ihm bleiben und in den heiligen Exerzitien den Willen des Allerhöchsten erforschen: das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene.

Während ich mich in dieser Prüfung befand und sorgsam nach allen Seiten erforschte, lernte ich ‘im Geiste und in der Wahrheit‘ zu Gott beten und sah zugleich, dass die Gesellschaft Jesu, über die ich mich schon hinreichend unterrichtet hatte, wohl geeignet sei, mich zu einem guten, gottseligen Leben und zum Dienst Gottes anzuleiten und mir großen Segen zu bringen. Ich saß gleichsam mit Matthäus an der Zollstätte. Da vernahm ich deutlich Gottes Stimme. Widerstreben wollte und durfte ich nicht. So stand ich denn mit Matthäus auf, gab dieser unreinen Welt den Abschied und zerriss die Bande, in die ich bisher nicht wenig verstrickt war. Von da an war es mein einziges Herzensanliegen Christus dem Herrn auf dem Kreuzweg zu folgen. Ihm weihte und übergab ich mich ganz, ohne Abschied von meinen Eltern zu nehmen und ohne Wissen meiner Freunde. Wie ich bisher nach eigenem Gutdünken gelebt hatte, so wollte ich in Zukunft von dem Willen und Befehl des obersten Leiters der gesamten Gesellschaft Jesu abhangen.

Dieses Gelübde des Ordenslebens habe ich am 8. Mai 1543 nicht nur begeistert in Mainz abgelegt, sondern auch später in Rom erneuert und im Jahre 1549 vervollkommnet, als mich unser ehrwürdiger Vater Ignatius, mehr aus persönlicher Gewogenheit als wegen meiner Verdienste, der Zahl der Professen einverleibte, die nach der Gelübdeformel ihre Dienste ganz Christus und seinem höchsten Stellvertreter auf Erden anbieten und weihen, um durch ihr Leben in ewiger Armut, ewiger Keuschheit und ständigem Gehorsam überall zur Arbeit im Weinberg des Herrn bereit und gerüstet zu sein.

Ich preise auch die überschwängliche Güte meines Gottes, die bewirkt hat, dass ich dieses Versprechen später nie bereute, obwohl viele mich schmähten und sogar den ganzen Orden versteckt und offen beschimpften und gleichsam dem Teufel verschrieben. Indes diese boshafte Verfolgung der Feinde hat mich so wenig irre gemacht, dass sie mich in der Erfüllung meiner Berufspflichten nur noch freudiger stimmte und ich mich glücklich schätzte, weil ich gewürdigt wurde, um des Namens Jesu willen Schmach zu leiden und von den erklärten Feinden der Kirche verleumdet und verlästert zu werden. Könnte ich doch nur ihre Seelen retten, selbst um den Preis meines Blutes! “[9]

Und trotzdem zählt sich der Heilige nicht unter die großen Büßer, sondern spricht seine Bewunderung für diese aus: „Was ärmliche Nahrung und raue Kleidung betrifft, so wünsche ich hierzu gern anderen Glück. Ich bekenne, o Herr, du Zeuge und Richter aller, dass ich weit entfernt bin von der Tugend derer, die ‘ihr Fleisch samt Leidenschaften und Begierlichkeiten‘ mit besonderem Eifer ‘gekreuzigt‘ und eine strenge Lebensweise erwählt haben, um auf dem schmalen Weg des Kreuzes deiner Majestät umso eifriger und treuer zu dienen. Ich verehre diese Lebensweise in dem heiligen Johannes dem Täufer und in den ersten Einsiedlern, ich bewundere sie an Hieronymus, Franziskus, Dominikus und anderen Vätern.

Erwecke in mir diesen Bußeifer und gib, dass ich meiner und meiner Sünden in keiner Weise schone, die lachende Welt aber beweine und für die Feinde des Kreuzes und für die Anbeter des Fleisches oft Tränen wahrer Liebe und Reue vergieße.“[10]

Mit der Priesterweihe, die vor dem Pfingstfest im Jahre 1546 stattgefunden hat, beginnt das segensreiche, aber auch sehr anstrengende Wirken des hl. Petrus Canisius. Dabei hat er sich immer von der Vorsehung beziehungsweise den Aufträgen seiner Oberen leiten lassen. Er tritt in Kontakt mit Würdenträgern von Staat und Kirche, um für die Einheit und die Ausbreitung des Glaubens zu arbeiten. Dazu muss er unzählige Kilometer zurück legen: „Vielleicht liefern diese Zeilen zur Ehre Gottes den Nachweis, dass ich in dem von Christus übernommenen Beruf einiges geleistet habe.

Inzwischen hatte sich der Kölner Erzbischof Hermann von Wied als Gönner und Förderer der Irrlehre Luthers entpuppt, was er im Herzen schon lange gewesen zu sein scheint, und suchte in seinem Sprengel die alte Religion zu ändern und völlig zu vernichten. Dieses Beginnen erfüllte den Kölner Klerus mit großem Unwillen. Der Kölner Klerus schickte Gesandte nach Lüttich, darunter auch ich, um die dortige Geistlichkeit zu bitten, die Bestrebungen der Irrlehrer durch Rat und Tat zu verhindern und das ausgebrochene Feuer zu löschen.

Nach Köln zurückgekehrt, wurde ich abermals von der katholischen Geistlichkeit genötigt, als Abgesandter zu Kaiser Karl V. zu gehen, der damals im Feld stand, um die widerspenstigen lutherischen Fürsten zur Unterwerfung zu zwingen. Der Kaiser kam den von mir vorgetragenen Wünschen des Kölner Klerus entgegen und versprach gnädig seine Hilfe gegen den Erzbischof.

Auf den Wunsch vom Bischof von Augsburg, Otto von Truchseß, reiste ich Mitte Februar 1547 von Augsburg zum Konzil nach Trient. Bei dieser Gelegenheit kam ich von Deutschland nach Italien und lernte die Einrichtung der Gesellschaft Jesu besser als bisher kennen und würdigen. Von Trient reiste ich nach Bologna, wo ich als Redner auf dem heiligen Konzil auftrat. Hierauf begleitete ich den hochwürdigen Pater Jakob Laynez nach Florenz und hörte da eine ausgezeichnete Predigt dieses überaus gelehrten und vorzüglichen Theologen.

Als die Sommerhitze, die in Italien ziemlich lästig zu sein pflegt, vorüber war, wurde ich im Monat September nach Rom berufen und freute mich, diese heilige Stadt, nach der ich mich so lange gesehnt hatte, betreten zu dürfen. Wusste ich doch, dass sie, durch das Blut so vieler Tausend heiliger Märtyrer geweiht, auf dem Felsen des apostolischen Bekenntnisses gegründet, in der Reinheit des Glaubens unerschütterlich feststand und mit Recht auf dem ganzen Erdkreis das höchste Ansehen genießt. Ich blieb bis zum folgenden Februar in Rom und lebte überaus glücklich bei unseren lieben Patres, indem ich mich mit Eifer der Betrachtung heiliger Dinge und den unseren Satzungen eigentümlichen Berufsarbeiten weihte.

Der hochwürdige Pater Ignatius fand es für gut, dass ich mich auf die feierliche Profess, die im September [1549] zu Rom stattfand, vorbereite und meine Gelübde nach Ordensbrauch öffentlich ablege.

Kurz darauf wurde ich mit den hochwürdigen Patres Klaudius Le Jay und Alphons Salmeron von unserem Vater Ignatius nach Bologna gesandt, um die theologische Doktorwürde zu erlangen und dann mit denselben Patres unverweilt nach Bayern zu reisen. Denn es galt, einen Wunsch des Herzogs Wilhelm IV. von Bayern zu erfüllen. Dieser vortreffliche Katholik und ausgezeichnete Fürst hatte nach dem Tod des berühmten Dr. Johann Eck Papst Paul III. und unseren hochwürdigen Pater Ignatius dringend ersucht, unsere Theologen möchten einige Lehrstühle in Ingolstadt übernehmen und die etwas gesunkene theologische Fakultät wieder heben. Als die erwähnten beiden Patres an andere Orte geschickt wurden, versah ich nicht nur die Professur, sondern musste auch die Würde eines Rektors der Akademie übernehmen. Außerdem hielt ich vor den Studenten lateinische, vor dem Volke deutsche Predigten. Inzwischen kam der hochwürdige Pater Nikolaus Goudan, ein Holländer, um Pater Salmeron, der nach Italien zurückberufen worden war und sich auf dem Konzil von Trient besonders auszeichnete, zu ersetzen und mir als Gefährte und Mitarbeiter beizustehen.

Mit ihm wurde ich in der Folge von Bayern nach Österreich geschickt. Ich traf im März 1552 in Wien ein. Die Lage der Kirche in Österreich, Ungarn und Böhmen war noch trauriger als in Bayern. In Stadt und Land war fast alles religiöse Leben erloschen. Die Geistlichkeit, lau und verweltlicht, war tief in der Achtung der Gläubigen gesunken; es herrschte viel Zuchtlosigkeit in den Klöstern. Die Protestanten fanden beim Adel ihre beste Stütze; so mancher Landgraf hoffte, im Falle eines Übertritts das Kirchengut einstreifen zu können. Viele Priester waren von der neuen Lehre angesteckt. Bereits in der Burgkapelle getraute man sich antikatholisch zu predigen. Auf der Kanzel des Stephansdomes sprach ein abgefallener Kirchenmann offen gegen den Zölibat und ermunterte die Mönche, ihre Klöster zu verlassen und so wie Luther zu heiraten. Die Stände drohten, es gäbe Aufruhr und Gewalt, wenn nicht freie Religionsausübung gestattet sei. Ferdinand I., der vom spanischen Hof gekommen war, hatte es nicht leicht in Wien.

Das Kolleg in Wien, das der erwähnte Pater Klaudius und Pater Nikolaus Lanoy als Rektor unter dem besonderen Schutz Kaiser Ferdinands so gut als eben möglich eröffnet hatten, sollte weiter ausgebaut werden. Seit 20 Jahren war nicht ein neuer Priester geweiht worden. Nach Gottes gütigem Willen musste ich in Wien nicht nur Theologie lehren, sondern auch vor dem Kaiser predigen.

Von Österreich musste ich im Sommer 1555 nach Böhmen gehen, um in Prag die durch die Freigebigkeit des Königs ermöglichte Gründung des Sankt Klemens-Kollegs in die Wege zu  leiten. Die Katholiken Böhmens hatten bereits 1552 König Ferdinand um ein Kollegium der Gesellschaft Jesu gebeten. Es gab im Land keinen einzigen Bischof. Herren der Lage waren die Hussiten, Utraquisten, Böhmischen Brüder, Wiedertäufer, Waldenser und Lutheraner. Von den Katholiken waren im alten Reich des heiligen Wenzels nur ein kläglicher Rest, etwa vier Prozent, geblieben.

Im April 1556 trafen die ersten 12 Jesuiten aus Italien im neuen Kolleg in Prag ein. Das Dach des Klosters war noch so schadhaft, dass man zur Winterszeit im Haus durch Schnee und Wasser waten musste. Geheizt konnte nur im Speisesaal werden. In der Kirche bestand Einsturzgefahr.

‚Wir sind fröhlich im Herrn und vertrauen vollkommen auf Gottes Vorsehung.‘ Allerdings wurde die Freude getrübt durch Störaktionen der Kirchenfeinde. Einmal, als ich in der Klemenskirche die heilige Messe las, warf ein Kirchenhasser einen Stein durchs Fenster. Ein anderes Mal geschah es, dass ein Böhme nach der Wandlung auf den zelebrierenden Priester losstürzte, ihm Götzendienst vorwarf und ihm einen Faustschlag versetzt hätte, wenn nicht der Messdiener dazwischen gefahren wäre.

Als im Jahre 1557 durch kaiserlichen Erlass ein Religionsgespräch für Katholiken und Protestanten nach Worms angeordnet wurde, schickte der Kaiser Pater Goudan und mich als seine Theologen dorthin. Zur Seite standen uns einige Löwener Theologen von großem Ruf. Mir fiel damals die Aufgabe zu, den Gegnern schriftlich und mündlich im Namen der Katholiken zu antworten. Ihr vom Alter bereits gebrochener Führer, Philipp Melanchthon, war persönlich erschienen.“

Ein Historiker schreibt dazu: Melanchthon schlug gleich bei der ersten Sitzung einen groben, unhöflichen Ton an. Er erklärte, er und die Seinen würden keinen Fingerbreit von ihrem Weg und ihrem religiösen Bekenntnis abrücken. Das könne niemals die wahre Kirche sein, wo man so gottlose Beschlüsse fasse wie beim Konzil von Trient und wo man wissentlich Götzen verteidige. Ein Superintendent ereiferte sich über Thomas von Aquin und Duns Scotus und wetterte gegen Ablasshandel und käufliche Totenmessen. Das ging so weiter. Im Gegensatz zu den Protestanten sprachen Canisius und seine Mitstreiter ruhig, milde und voll Freundlichkeit. Sie blieben höflich und beherrscht. Als aber die Angreifer immer heftiger und ausfälliger wurden, erhob sich Canisius und wartete eine Sprechpause ab. In die Stille hinein bat er, man möge doch, anstatt zu schelten, die Liebe walten lassen und sich einer wissenschaftlichen Ausdrucksweise bedienen. Es sei unbestritten, dass es in der Kirche Missstände gäbe, die wolle man ja aus der Welt schaffen. Man sollte aber ruhig und nicht unter Missachtung des Gegners darüber diskutieren. Er stieß leider auf taube Ohren. Als die Protestanten in ihrer selbstherrlichen und beleidigenden Art fortfuhren, verlor Canisius die Geduld. Rückhaltlos brachte er die theologischen Gegensätze beider Parteien auf den Punkt. In der sechsten Sitzung bezeichnete er es als eine hochmütige Anmaßung, wenn man nur seine eigene Sicht der Heiligen Schrift gelten lasse und alle anderen Erklärungen verwerfe. Er wies darauf hin, dass nicht jeder das Wort Gottes lesen und auslegen dürfe, wie es ihm passe, denn die Gefahr des Missverstehens und Irrens sei zu groß. Gäbe es keine schwer verständlichen und dunklen Stellen in der Bibel, woher kämen dann die vielen einander widersprechenden Meinungen und Sekten? - Anstatt über eine zweideutige Stelle der Bibel zu streiten, sollte man die Antwort bei denen suchen, die den Sinn der Bibel bewahrt haben, wie er von Anfang an getreu überliefert wurde. Nur dem von Christus eingesetzten Lehramt stehe es zu, die Gläubigen zu belehren über den Sinn und Inhalt der Heiligen Schrift. „Wer das Lehramt verwirft“, so beendete er seine Rede, „trifft die Heilige Schrift selber. Wer den Hüter der göttlichen Wahrheit mundtot machen will, gräbt dem Christentum das Grab!“

Das war eine so wirkungsvolle Rede, dass für eine Weile vollkommene Stille im Saal herrschte. Melanchthon war so betreten, dass er die Antwort darauf schuldig blieb. Es fiel ihm vorläufig nichts Besseres ein, als dass er den Katholiken hinwarf, sie hätten da einen richtigen „Großsprecher“ auf ihn losgelassen. Dann brauchten er und seine Gesinnungsgenossen 14 Tage für eine - schriftliche - Erwiderung. In diesem Traktat fand sich das übliche, längst abgedroschene Vokabular wie „Päpstliche Tyrannei“, „Götzendienst“, „Messpfaffen“, „teuflischer Zölibat“ und noch anderes mehr. An eine Einigkeit war nicht mehr zu denken. Denn es war offensichtlich, dass die Protestanten nicht das bereinigende, annähernde Gespräch suchten, sondern nur die Gelegenheit, der Kirche massiv zu schaden. Den Schaden fügten sie sich jedoch selber zu. In ihrer Blindwütigkeit griffen sie einander selbst an. Wegen ihrer Auffassung vom Abendmahl wurden die Zwinglianer von den Lutheranern ausgeschlossen; sie verließen daraufhin beleidigt die Stadt.

Für unseren Heiligen kehrt jedoch keine Ruhe ein: „Wiederholt nach Rom berufen, machte ich die lange Reise, nahm an der Wahl des neuen Generals teil und besorgte noch andere Angelegenheiten unserer Provinz. Unter dem Pontifikat Papst Pauls IV. war nämlich unser hochwürdiger Vater Ignatius, den ich bereits öfters erwähnt habe, aus diesem Leben geschieden. Zur selben Zeit wurde ein italienischer Bischof als päpstlicher Nuntius nach Polen gesandt. Er wählte mich zum Begleiter und nahm mich mit nach Polen. Bei dieser Gelegenheit hielt ich der Geistlichkeit Krakaus einen lateinischen Vortrag. Einige Monate später kehrte ich aus Polen nach Deutschland zurück und traf während des Reichstages in Augsburg ein, als gerade die feierlichen Exequien für Kaiser Karl V. von dessen Bruder Ferdinand gehalten wurden. Da der Hauptprediger von Augsburg, der Dominikaner Johann Fabri aus Heilbronn, den ich früher in Ingolstadt zum Doktor promoviert hatte, gestorben war, beschloss der Bischof und Kardinal [Otto von Truchseß], mich zum Nachfolger des Verblichenen als Domprediger von Augsburg zu bestimmen. Widersprechen durfte ich nicht. Denn unser zweiter General, der hochwürdige Pater Laynez, hatte aus der Ewigen Stadt Weisung geschickt, ich möchte diese neue Bürde auf meine Schultern nehmen und die Augsburger Katholiken zu befestigen suchen, obwohl ich an meinem Amt als Provinzial schon schwer genug zu tragen hatte. Lange Jahre verwaltete ich diesen schwierigen Posten in Augsburg und erntete dabei viel Dank und Anerkennung.

Schließlich erteilte mir Papst Pius IV. in Rom den Auftrag, mich persönlich zu den bedeutenderen Fürsten Deutschlands, zu begeben, um sie im Eifer für die Hebung der katholischen Religion zu bestärken. So kam ich bis nach Westfalen und von da aus auch ins Gelderland. Diese Reise (im Winter 1565/66) war für mich mit vielen Beschwerden verbunden, da ich mich mit einem meiner Mitbrüder als Begleiter begnügte. Was ich auf solchen Reisen, die der Gefahren nicht entbehrten, Gutes erreicht habe, muss ich auf die besondere Gnadenwirkung des Allmächtigen zurückführen. Mir schreibe ich nichts davon zu, da ich ein unnützer Knecht bin, der nur einen guten Willen und bereitwilligen Gehorsam gegen die Vorgesetzten mitbringen konnte.

Bei jedem Unternehmen verdankte ich den glücklichen Ausgang ausschließlich der Gnade Gottes. Auf meine Rechnung dagegen - ich gestehe es offen - kommen sämtliche Fehler, die ich in Menge auf dieser ganzen Reise beging, indem ich all die vielen und herrlichen Gelegenheiten, Gutes zu tun, Vorsicht zu üben und andere zu erbauen, törichterweise nicht benutzte und mich so leider nicht immer als guter und getreuer Knecht erwies. Ich habe mich weder in der Frömmigkeit geübt, die zu allem nützlich ist, noch die Fehlenden offen zurechtgewiesen noch den verschiedenen Menschenklassen in Wort, Wandel und Liebe, wie der heilige Paulus verlangt, das schuldige gute Beispiel gegeben. Obgleich sich nämlich bei unseren Geschäften manches darbietet, was auf den ersten Blick hin gut und lobwürdig erscheint, so ist doch die Schwäche und Unbeständigkeit des menschlichen Willens so groß, dass wir oft vieles ohne Überlegung anfangen, das Angefangene aber nur lässig fortsetzen und das Fortgesetzte nicht glücklich vollenden.

Und trotzdem: Wenn je zuvor, so sind heute Lehrer notwendig, die mit großem Eifer und unüberwindlicher Standhaftigkeit den katholischen Glauben verkünden und dem von schädlicher Neuerungssucht getriebenen Volk die gesunde Lehre einschärfen. Denn wir leben in einer Zeit, in der man, wie der Apostel voraussagte, die gesunde Lehre nicht ertragen mag, sondern nach eigenen Lüsten sich Lehrer besorgt, je nachdem die Ohren jucken, Lehrer, die nicht heilsame, sondern schmeichelnde Dinge vortragen, verderbliche Irrlehren einführen und die Freiheit des Fleisches statt der Freiheit des Evangeliums verteidigen. Umso innigeren Dank sage ich dem Allerhöchsten, dass er mich unter die Lehrer unseres Ordens berufen und als Rechtgläubiger von der Lehrkanzel meine Stimme erschallen ließ. Seiner Gnade schreibe ich es zu, dass ich als Jüngling eine gewisse natürliche Neigung verspürte, gern mit gelehrten und frommen Männern zu verkehren, und mich fleißig auf das Lehramt und die Verkündigung des Wortes Gottes vorbereitete. Das können die bestätigen, die mich als Knaben in meiner Vaterstadt sowie später zu Köln und Oisterwijk in Brabant gekannt haben.“[11]

Das wirksamste Mittel der Protestanten zur Verbreitung ihrer Lehre war das gedruckte Wort, die Presse, deren Bedeutung man in der Kirche außer Acht gelassen oder völlig unterschätzt hatte. Während die Neugläubigen die Länder mit einer Flut von Schmäh- und Propagandaschriften überschwemmten, herrschte auf dem Gebiet des katholischen Pressewesens ein verhängnisvolles Manko. Bereits 1525 hatte Luther seinen Katechismus geschrieben, den seine Anhänger bis in den letzten Winkel des Reiches verbreiteten. Es gab zwar auch einige katholische Katechismen, doch die fanden wenig Anklang, denn sie waren zu weitschweifig und hochgestochen. Auf Veranlassung König Ferdinands kommt es zur Abfassung der “Summa doctrinae christianae“. Canisius arbeitete ungefähr vom März 1552 bis zum März 1555 an diesem Katechismus:

„Als ich bei Kaiser Ferdinand in Wien weilte und teils in der Schule, teils im Gotteshaus die heiligen Wissenschaften vortrug, wünschte dieser, dass ich mich nicht nur durch das gesprochene Wort, sondern auch mit der Feder betätige und für seine religiös verkommenen Österreicher einen Katechismus verfasse. Er sollte so gehalten sein, dass er auf sanfte Weise die Gefallenen aufrichten und die Verirrten durch Gottes Gnade auf den rechten Weg zurückführen konnte. Ich gehorchte diesem großen Fürsten und Gönner. Lag ihm doch nichts mehr am Herzen, als den rechten Glauben wenn möglich in seinen Ländern rein und unverfälscht zu bewahren oder doch den verfälschten und unterdrückten wiederherzustellen. Es erschien schließlich das Buch, doch ohne den Namen des Verfassers und nur von jenem angesehenen Fürsten empfohlen, unter dem Titel “Summa doctrinae christianae”. Nicht nur ins Deutsche, sondern auch in die Sprache anderer Völker übertragen, gelangte es zu immer weiterer Verbreitung und kam allerorts bei den Katholiken in Gebrauch. Von den Gelehrten wurde es mit solchem Beifall aufgenommen, dass man es auch allenthalben in den Schulen vortrug, so in Paris, Köln und Löwen. Auch in Polen, Spanien, Italien und Sizilien fand das Werk Eingang. Nur den Protestanten missfiel es. Melanchthon, Wigand und Illyricus nahmen nach ihrer Art, d. h. aus Hass und Verachtung gegen die Kirche, offen gegen diesen österreichischen Katechismus Stellung. Wer nun einmal die Finsternis der Nacht liebt, kann sich über das Licht nicht freuen. Außerdem ist es den Ketzern eigen, uns auf jede nur mögliche Weise die Waffen zu entreißen, mit denen die feste Burg der katholischen Wahrheit verteidigt wird. Gelehrte Männer wiesen indes diesen feindseligen, leichtfertigen Angriff zurück, namentlich Doktor Tiletanus in Löwen und ganz besonders Peter Busaeus in Köln. Er führte die bedeutendsten Väter wörtlich an und sammelte ihre Zeugnisse in einem stattlichen Band. So wurden die einzelnen Teile meines Buches in gediegener Weise begründet und ausgezeichnet verteidigt.“[12]

Es war ein gewaltiges Programm, das Petrus Canisius in seinem Leben bewältigte. Unter den Anforderungen, die seine neuen Ämter an ihn stellten - er war unter anderem 13 Jahre lang Provinzial - schien seine Person sich zu verdoppeln. Wie konnte er das alles nur schaffen? Der Einblick auf den Wert der ewigen Güter, verbunden mit der Liebe, die im Nächsten das Kind Gottes sieht, für dessen unsterbliche Seele Christus am Kreuz sein Blut vergossen hat, gab ihm jene wunderbare Kraft. Die katholische Kirche in deutschen Landen wieder aufzubauen, das war das Hauptziel seines Lebens. Sein Reformgedanke ging von der Grundanschauung aus: Nicht das Volk, sondern die höheren Stände trugen durch ihre Nachlässigkeit und Gesinnungslosigkeit die Hauptschuld am Schaden, den die Kirche erlitten hatte. Papst Hadrian VI. hatte bereits 1522 gesagt: „Die Glaubensspaltung ist die Strafe Gottes für die Sünden der Menschen, besonders für jene der Priester und Prälaten.“

Alle Menschen, von der kleinen Magd angefangen bis zum Bischof, bedurften der Stärkung des Glaubens und des Ansporns zum Guten. Auch sein Orden musste gestärkt und weiter ausgebreitet werden. Und immer wieder finden wir ihn umringt von Kindern, denen er vom Heiland und der Muttergottes erzählt. Die Heranbildung einer christlichen Jugend in Schulen und Kollegien war ihm ein Herzensanliegen. Orte, an denen er Schulen gründete oder bei der Gründung mithalf, waren: Ingolstadt, Wien, Prag, Köln, Trier, Freiburg i. Br., Zabern im Elsass, Dillingen, München, Landsberg am Lech, Würzburg, Innsbruck, Molsheim im Elsass, Hall in Tirol, Speyer, Landshut und Freiburg in der Schweiz. Wir finden ihn beim Konzil, wo die Kirche neu gestärkt wurde, als Vermittler und Vertrauensmann des Papstes; dann sehen wir ihn wieder als Domprediger in Augsburg. Zudem gab es auch Arbeit in der Verwaltung und Kirchenpolitik. Einen eifrigeren Arbeiter und Apostel hatte die Kirche damals nicht aufzuweisen. Mal reiste er nach Eichstätt und Worms, dann wieder nach München und Passau. Bald rollte der Wagen nach Straßburg oder Nürnberg, bald ging die Radspur bis nach Krakau und Petrikau, der polnischen Reichstagsstadt. Der Kutscher trieb die Pferde durch Italien, die Schweiz, Belgien, Holland und durch viele österreichische und deutsche Gauen. Es war ein langes, mühsames, oft gefahrvolles Reisen, wir können ihm nicht überallhin folgen.

Vergessen wir nicht den Schriftsteller Canisius. - Es wurde damals der Kirche durch das geschriebene Wort mehr Schaden zugefügt als durch das gesprochene. Von den Schriften Luthers, die alles Katholische entstellten, Emotionen aufstachelten und die Gemüter vergifteten, war ganz Deutschland überschwemmt. Da waren die Druckwerke des Jesuitenpaters die beste Antwort auf die Schriftenflut der Protestanten. Jedoch im Gegensatz zu ihrer oft sehr leidenschaftlichen und gehässigen Ausdrucksweise, blieb Canisius immer sachlich und vornehm; er vermied jedes harte und verletzende Wort. Die reine Wahrheit sollte überzeugen und die Häretiker zur Einsicht bewegen. Nie zeigten Canisius und seine Freunde den Protestanten gegenüber auch nur das geringste Zeichen von Lieblosigkeit und Verachtung. Als sein Freund Lindanus, der spätere Bischof von Gent, eine scharfe Polemik gegen die Andersgläubigen verfasst hatte, tadelte ihn Canisius: „Mit solcher Arznei heilen wir keine Kranken“, schrieb er ihm, „sondern machen sie nur umso unheilbarer. Die Wahrheit muss weise, zeitgemäß und besonnen verteidigt werden…“ Viele Andersgläubige konnte Canisius überzeugen und zur Kirche zurückführen. Doch der harte Kern der Protestanten war nicht zu knacken.

In den letzten Monaten seines Lebens schwanden mehr und mehr seine Kräfte; vor Schwäche konnte er nicht mehr sein Zimmer verlassen. Er fühlte sein Ende nahen. Am 21. Dezember 1597 verlangte er schon früh am Morgen nach der heiligen Kommunion. Im Laufe des Tages zeigte er, im Bett liegend, auf eine Stelle des Zimmers und sagte freudig erregt zu den Anwesenden: “Dort - seht ihr?“ Sie sahen nichts, glaubten aber, dass Maria ihm erschienen sei, um ihm den Himmel zu zeigen. Es war nach 3 Uhr nachmittags, da durfte seine Seele heimkehren zu Gott, für dessen Kirche er auf Erden sein Herzblut verströmt hatte. Sein Leichnam wurde in der Freiburger Nikolauskirche beigesetzt. Im Jahre 1623 wurde das Gotteshaus des Jesuitenkollegs, das St. Michael geweiht worden war, vollendet. Zwei Jahre später, am Ostermontag, wurde der mit Goldstoff bedeckte Sarg durch die blumenbedeckten Straßen in die Michaelskirche in Freiburg in der Schweiz übertragen. Schon bald verbreiteten sich Berichte von wunderbaren Gebetserhörungen und Krankenheilungen, die man der Fürbitte des Heimgegangenen zuschrieb.

Papst Pius XI. erhob Petrus Canisius am 21. Mai 1925 zur Ehre der Altäre und erklärte ihn zum Kirchenlehrer.

 

Anmerkungen

[1] Die Bekenntnisse des heiligen Kirchenlehrers Petrus Canisius SJ und sein Testament; Herausgegeben und übersetzt von Johannes Metzler SJ,  2019 Verlagsbuchhandlung Sabat UG, Kulmbach, S. 91 und S. 14

[2] Ps. 24,7

[3] Die Bekenntnisse des heiligen Kirchenlehrers Petrus Canisius SJ und sein Testament; Herausgegeben und übersetzt von Johannes Metzler SJ,  2019 Verlagsbuchhandlung Sabat UG, Kulmbach, S. 95 und 46.

[4] Diese bitteren Selbstanklagen könnten den Eindruck erwecken, als sei der junge Canisius sehr schlechte Wege gewandelt. Aus dem folgenden und dem ganzen Zusammenhang ergibt sich jedoch, dass dies nicht der Fall war.

[5] Vgl. Mt 19,12

[6] vgl. Apg 5,3.

[7] Die Bekenntnisse des heiligen Kirchenlehrers Petrus Canisius SJ und sein Testament; Herausgegeben und übersetzt von Johannes Metzler SJ,  2019 Verlagsbuchhandlung Sabat UG, Kulmbach, S. 39ff.

[8] Ebd. S. 42.

[9] Die Bekenntnisse des heiligen Kirchenlehrers Petrus Canisius SJ und sein Testament; Herausgegeben und übersetzt von Johannes Metzler SJ,  2019 Verlagsbuchhandlung Sabat UG, Kulmbach, S. 110ff.

[10] Ebd. 55.

[11] Ebd. S. 120.

[12] Ebd. S. 160.