"Ich habe geschwiegen...." Der hl. Johannes Nepomuk

15. Mai 2022
Quelle: Distrikt Österreich

Wer ist der Heilige, dessen Statue auf zahlreichen Brücken und Straßen unseres Landes steht, der nach der Gottesmutter und dem hl. Joseph am häufigsten künstlerisch dargestellt wird? Allein in Wien finden sich über 200 Darstellungen dieses Heiligen, der fünf Sterne auf seinem Haupt trägt, die das lateinische Wort „tacui“ – „ich habe geschwiegen“ versinnbildlichen sollen. Worüber aber hat er geschwiegen? Noch im 20. Jahrhundert war sein Lebenszeugnis manchen politischen Richtungen unbequem: Bald nach der Gründung der tschechoslowakischen Republik im Jahr 1918 wurde der Feiertag des böhmischen Nationalheiligen kurzerhand aus dem amtlichen Festkalender gestrichen.  Auch in den Heiligenkalendern der Österreichischen Diözesen wurde der im gläubigen Volk so beliebte und hoch verehrte Heilige massiv degradiert. Früher an vielen Orten als Fest 1. Klasse mit Oktav zelebriert, findet er heute oft kaum noch Erwähnung. Seine Gegner nannten ihn verächtlich den „Heiligen der Finsternis“. Was als Spott gedacht war, gereichte ihm zur Ehre, denn er war wahrhaft ein Heiliger inmitten einer finsteren Zeit. 

Geboren wurde Johannes Nepomuk um das Jahr 1350 in der kleinen südböhmischen Stadt Pomuk bei Pilsen. Er entstammte einer deutsch-böhmischen Familie, sein Vater war Richter und vermutlich auch Bürgermeister des Städtchens, das im 12. Jahrhundert von Zisterziensern gegründet worden war. Zisterzienser waren es auch, die den jungen Johannes lehrten und formten. Schon früh kommt er an den Hof des Prager Erzbischofs, in dessen Kanzlei übt er als Kleriker mit niederen Weihen die Tätigkeit eines öffentlichen Notars aus. In wenigen Jahren durchläuft er eine steile kirchliche Karriere: 1380 wird er zum Priester geweiht und wirkt anschließend als Seelsorger für die deutschen Kaufleute der Prager Neustadt. In Padua erlangt er einige Jahre später das Doktorat für das Kirchenrecht. Zurück in Prag lenkt er durch seine außergewöhnlichen Predigten, zu denen die Menschen strömen, bald die Aufmerksamkeit auf sich. Im September 1389 ernennt ihn der Prager Erzbischof Johannes von Jenzenstein, der seine bemerkenswerten Kenntnisse und Fähigkeiten schätzt, zum Generalvikar der Diözese Prag. In diesem Amt zeichnet er sich durch große Unparteilichkeit und Ehrlichkeit aus und ordnete völlig unbestechlich die oft äußerst komplizierten Agenden des großen Erzbistums.

Der Generalvikar wird zum Märtyrer

Was aber machte den Geistlichen zum Märtyrer und böhmischen Nationalheiligen? Dazu müssen wir zunächst einen Blick auf die damalige politische Bühne werfen: Nach dem Tod von Kaiser Karl IV., der Böhmen zum blühenden Mittelpunkt eines Ost und West versöhnenden Reiches gemacht hatte, übernahm sein erst 17jähriger Sohn Wenzel die Regierungsgeschäfte. Dieser aber zeigte keinerlei Interesse für sein Land, er überließ sich dem Spiel, der Jagd, dem Alkohol und anderen Vergnügungen. Faul und launisch geriet er bald in Konflikt mit den Hütern staatlicher und kirchlicher Ordnung. Er intrigierte gegen den Klerus, gegen die Aristokratie und die Hüter der Reichsgewalt. Auf dem Hintergrund des großen abendländischen Schismas – zu dieser Zeit regierten zwei Päpste, einer in Rom und ein anderer in Avignon - kam es in Prag zu starken Spannungen zwischen Hof und Domkapitel. Der König versuchte, die kirchlichen Machtbereiche zu beschneiden und seine Günstlinge in hohe kirchliche Positionen zu bringen. Die Auseinandersetzungen zogen sich über Jahre, der Druck auf die Kirche wurde immer heftiger, aber der Erzbischof von Prag sowie sein Generalvikar Johannes Nepomuk verteidigten die Position der Kirche standhaft.

Am 16. Mai 1393 (andere Quellen geben den 20. März 1393 an) ließ der König, der gemäß seiner Gewohnheit bereits am Morgen dem Wein ausgiebig zugesprochen hatte, den Generalvikar und zwei andere hochrangige Geistliche gefangennehmen. Ein Streit mit dem Erzbischof über die Nachfolge eines verstorbenen Abtes diente ihm dazu als Vorwand. Die beiden anderen Geistlichen wurden aufgefordert, in Gegenwart eines öffentlichen Notars ein Versprechen unter Eid abzulegen, niemals über ihre Gefangennahme und Folter zu sprechen. Bei Weigerung wurde ihnen der Tod durch Ertränken in Aussicht gestellt.  Über Johannes Nepomuk aber brach eine schwere Folter herein, bei der der König selbst Hand angelegt haben soll. Unmittelbar nach diesen Geschehnissen  berichtet der Erzbischof von Prag darüber in einem Schreiben an den Papst: „Eine Seite des Körpers wurde ihm verbrannt, er wurde durch die Straßen und Plätze geschleppt, seine Hände auf den Rücken und seine Füße gegen das Haupt nach Art eines Rades zusammengeschnürt und sein Mund gewaltsam mit einem hölzernen Knebel aufgespreizt. So wurde er um die dritte Nachtstunde von der Prager Brücke in die Moldau gestürzt, wo er ertrank.“ Die Kunde von der grausamen Tat verbreitete sich sehr rasch auch außerhalb Böhmens, sie findet sich in allen zeitgenössischen Chroniken niedergeschrieben. Der Erzbischof nennt den Ermordeten bereits in seinem Brief an den Papst einen „heiligen Märtyrer“.

Ein Märtyrer des Beichtgeheimnisses

Über den wahren Hintergrund der Folter lesen wir nichts in den amtlichen Akten, diese Sache war wohl zu delikat. Die beiden Geistlichen, die auch danach in ihren Ämtern verblieben, waren durch Eid gebunden, die Folterknechte waren zum Schweigen verpflichtet, der König selbst hatte Interesse daran, alle Vorgänge geheim zu halten. Aber wie es nun einmal so ist:  Wenn mehrere von einer geheimen Sache wissen, dann dringt etwas davon an die Öffentlichkeit, auch wenn zu Lebzeiten des Königs nur im Flüsterton darüber gesprochen wurde.

Aus den Vorgängen kann man schließen, dass ausschließlich Johannes Nepomuk das Ziel der ganzen Aktion war. Was also wollte der König in der Folterkammer aus ihm erpressen? Dafür gibt es zwei Zeugen, die wohl Informationen aus erster Hand besaßen. Es sind dies der Rektor der Wiener Universität Thomas Ebendorfer von Haselbach und Paul Zidek, Schreiber und Vertrauter des späteren Königs Georg von Böhmen. Beide Zeugen hatten unabhängig voneinander Verbindungen zu Prager geistlichen Kreisen, also von Männern, die um die Sache wissen mussten. Nach ihrer Darstellung wollte König Wenzel den Generalvikar Nepomuk zwingen, das Beichtgeheimnis zu brechen und ihm über die Beichte seiner Ehefrau, der Königin, zu erzählen, die er der Untreue verdächtigte. Die junge Prinzessin aus Bayern war unglücklich in ihrer Ehe und ging eigene Wege, über welche die historischen Quellen nur andeutungsweise sprechen. Offenbar dachte sie an Scheidung, dafür war das geistliche Gericht zuständig. Wenn sie also den Rat von einem rechtskundigen Mann benötigte, was lag also näher, als sich darüber mit dem Generalvikar zu besprechen, der ja dafür zuständig war? Um sicher zu sein, dass ihr Geheimnis gewahrt blieb, konnte sie diese Angelegenheit nur unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses besprechen.

Eine Chronik bezeugt die Wunder

Johannes Nepomuk hatte also seine Freiheit und sein Leben für die Freiheit des Gewissens in treuer Erfüllung seiner Amtspflicht geopfert. Er zögerte nicht, für die Bewahrung des Beichtgeheimnisses sein Leben hinzugeben. Die Verehrung dieses Märtyrers setzte im Volk unmittelbar nach seinem Tod ein und nur 38 Jahre später steht bereits seine Statue auf der Karlsbrücke in Prag, mit der er als Heiliger des Beichtgeheimnisses verehrt wird. Sein Leichnam konnte geborgen werden und wurde im Prager Dom beigesetzt, sein Grab wurde schon bald durch ein Gitter geschützt, weil die Menschen herbeiströmten und weil sein Grab „durch Wunderzeichen glänzt“, wie wir es in einer Chronik lesen können.

Bald schon brachen große Wirren über die Kirche und das Land Böhmen herein. Vom Symbol der Einheit wurde Prag innerhalb weniger Jahre zum Schauplatz geistiger, politischer und religiöser Zwietracht, die in der Revolution im Jahr 1419 gipfelte. Schon zuvor, nur sieben Jahre nach Nepomuk’s gewaltsamen Ende wurde der Mord an ihm als eine der vier Gründe der Kurfürsten genannt, um Wenzel IV. als deutschen König und König über das Heilige Römische Reich abzusetzen.

Am 19. März 1729 wurde Johannes Nepomuk von Papst Benedikt XIII. heiliggesprochen, sein Gedenktag ist der 16. Mai. Seit 1732 ist der hl. Johannes Nepomuk der zweite Hauptpatron des Jesuitenordens.  Damals wurde er vom Generaloberen des Ordens, dem aus Prag stammenden P. General Franz Retz SJ zum Patronus minus principalis des Ordens erhoben, um den Orden so in übernatürlicher Weise gegen die immer stärker werdenden verleumderischen Angriffe der Feinde der Kirche zu schützen. Nach seiner Heiligsprechung nahm die Beliebtheit dieses Heiligen und seine Verehrung im Volk immer mehr zu und, obwohl nicht offiziell als solcher installiert, galt er als Staatsheiliger im gesamten Habsburgerreich während der Barockzeit. Meist finden sich seine Statuen auf oder neben Brücken, die bekannteste ist jene, die 1693 an jener Stelle auf der Prager Karlsbrücke errichtet wurde, wo der Heilige 300 Jahre zuvor in die Moldau gestürzt wurde.

Der Brückenheilige

Der „Brückenheilige“ blickt auf ein Kreuz in seinen Händen, oft liegen die Finger der anderen Hand an den Lippen als Zeichen der Verschwiegenheit. Wenn wir unterwegs auf den Brücken und Straßen unserer Heimat so oft seiner Abbildung begegnen, so will er uns immer wieder durch sein Beispiel auf den gekreuzigten Heiland hinweisen, uns den Weg zu Ihm weisen, eine Brücke zu Ihm sein. Gerade in unserer Zeit wird sein Beispiel als Märtyrer des Beichtgeheimnisses wieder aktuell. 625 Jahre nach seinem Tod, im Jahr 2018, zwingt die Gesetzgebung in einem australischen Staat die Priester zum Bruch des Beichtgeheimnisses, falls Kindesmissbrauch gebeichtet wird. Vier weitere australische Bundesstaaten folgten diesem Beispiel.  Bei einem Verstoß gegen das Gesetz droht dem Priester eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren. Kirchlicherseits aber droht dem Priester die Exkommunikation, wenn er das Beichtgeheimnis bricht. Auch in Deutschland haben Diskussionen über eine Aufweichung des Beichtgeheimnisses begonnen. In unseren säkularen Staaten wurde das Sakrament der Buße innerhalb der letzten Jahrzehnte zum „vergessenen Sakrament“. Nur mehr wenige Menschen nehmen dieses Ostergeschenk des Auferstandenen an. Wie oft wird es also geschehen, dass ein Missbrauchstäter zur Beichte kommt? Oder geht es hier um etwas anderes? Etwa darum, den katholischen Glauben im Allgemeinen und das Vertrauen in die Priester und in das heilige Sakrament der Buße im Besonderen weiter zu untergraben und auszuhöhlen?

Der hl. Johannes Nepomuk ist sicher auch heute ein wunderbarer Fürsprecher für die Menschen und die Probleme unserer Zeit. Wann immer wir ihm auf unseren Straßen und Brücken begegnen, sollten wir kurz inne halten und ihn um Hilfe in unserer finsteren, glaubensarmen Zeit bitten.

 

Tagesgebet der hl. Messe vom 16. Mai:

O Gott, Du hast um des unverbrüchlichen Schweigens willen, das der hl. Johannes dem Beichtgeheimnis gewahrt hat, deine Kirche mit einer neuen Krone des Martertodes geziert. Lass uns gemäß seinem Vorbild und mit seinem Beistand über unsere Reden wachsam sein und zu jenen gehören, die sich mit der Zunge nicht verfehlt haben.

 

Johann Michael Haydns "Missa Sancti Joannis Nepomuceni" (1772), ist diesem großen Heiligen, dessen Fest wir am 16. Mai feiern, gewidmet ►