Geschichte der Priesterbruderschaft: Auf den Straßen der Welt mit dem Erzbischof

05. Mai 2020
Quelle: Distrikt Deutschland

Erinnerungen von Herrn Edmond Moulin

Herr Edmond Moulin ist ein Zeitzeuge. Er erlebte die Ausbreitung des Werkes der Bruderschaft aus nächster Nähe. Der Walliser Familienvater war nicht nur Ökonom des Priesterseminars von Ecône, sondern auch einer der Männer, die Monseigneur Lefebvre bei seinen vielen apostolischen Reisen als Chauffeur dienten. So verbrachte er viele Stunden mit dem Erzbischof auf den Straßen Europas.

MB: Herr Moulin, vielleicht können Sie sich kurz den Lesern des Mitteilungsblattes vorstellen?

Herr Edmond Moulin: Mein Lebensweg ist doch recht lang. Ich bin schon 88 Jahre alt. Zuerst die Schule, die Ausbildung und das Berufsabitur. Dann war ich zwölf Jahre Berufsschullehrer für Gipserei und Malerei im Bauwesen in Vevey am Genfersee gewesen. Ich habe ein Bauunternehmen gegründet und geführt. Später hat mich Monseigneur Lefebvre gebeten, ob ich den verdienten Herrn Bétrison als Ökonom im Priesterseminar in Ecône ersetzen könnte.

Parallel zum Beruf habe ich eine Familie gegründet und mit meiner Frau fünf Kinder großgezogen. Ich war auch eine Zeitlang in der Politik aktiv. ich war für drei Amtszeiten in der Gemeinverwaltung in Sembrancher. Auch habe ich Aufgaben in der Krankenkasse und im Schützenverein übernommen.

Im Jahr 1988 bat mich Erzbischof Lefebvre, die Ökonomie des Priesterseminars St. Pius X. in Ecône zu übernehmen. Er fragte mich auf der Rückfahrt von einer Reise nach Bordeaux. Nach etwa einer Stunde Fahrt legte der Erzbischof seine Hand auf meine Schulter und sagte zu mir: „Monsieur Moulin!“ – „Ja, Exzellenz.“ – „Sie wissen, dass Herr Bétrison uns verlässt.“ – „Ja, ich habe tatsächlich davon gehört.“

Wenig später kam er darauf zurück und legte wieder seine Hand auf die Schulter: „Monsieur Moulin, also?“ – „Also was?“ – „Sie haben mich verstanden …“ – „Aber Exzellenz, denken Sie nicht dran, ich führe ein Unternehmen, wir haben so viel zu tun, es gibt so viele Baustellen.“ – „Eben! Überlegen Sie …“

Und was hat er dann gemacht? Er hat meine Frau angerufen. Ich habe ihm später gesagt: „Sie haben mir einen üblen Streich gespielt!“ Monseigneur liebte nämlich zu scherzen. Er hat mir darauf geantwortet: „Ja, ich habe Ihre Frau angerufen, weil ich wusste, sie würde Ihnen etwas ins Ohr flüstern …“

Tatsächlich sagte mir meine Frau eine Weile später: „Weißt du, der Erzbischof hat mich angerufen. Überlege ein bisschen, du wirst nicht ewig mit deiner Firma weitermachen können. Ich denke, Monseigneur gibt dir da eine außerordentliche Aufgabe“ – „Ja, ich werde es mir überlegen.“ Ich habe dann meinen zwei Meistern in der Firma die Situation erklärt. Beide sagten zu mir: „Wenn Sie noch ein Jahr bleiben, dann ist es kein Problem.“ Ich kam zurück und sagte meiner Frau, die Kollegen seien beide einverstanden. Sie war glücklich.

Ich bin, um die Übergabe vorzubereiten, noch zwei Jahre in der Firma geblieben. 1988 begann ich mich gleichzeitig in Ecône einzuarbeiten. Ein Jahr später übernahm ich die Verwaltung. Bis Januar 2002 habe ich diese Aufgabe ausgeübt.

 

MB: Wie haben Sie Erzbischof Lefebvre kennengelernt und wie sind Sie sein Chauffeur geworden?

Herr Edmond Moulin: Meine erste Begegnung mit ihm war beruflicher Natur. Als der Bau im Priesterseminar St. Pius X. 1971 begann, wurde ich von meinen Freunden als Bauunternehmer mit ins Boot geholt, Zu diesen Freunden gehörte vor allem Marcel Pedroni. Er sagte zu mir: „Weißt du, Erzbischof Lefebvre wird in Ecône ein Gebäude bauen, du musst auch mitarbeiten.“ So begegnete ich zum ersten Mal dieser heiligmäßigen Person.

Ich war von der Güte und Freundlichkeit des Prälaten tief gerührt. Und beeindruckt von seinem Wissen im technischen Bereich. Er war nämlich in der Mission ein großer „Bauherr“ gewesen, wie wir später erfahren haben. Wir waren immer erstaunt von seinem Problembewusstsein und seinen präzisen Fragen.

Ein anderer Freund, Alfons Pedroni, war listig. Er sagte zu mir eines Tages: „Komm mal vorbei und wir plaudern miteinander.“ Er sprach über religiöse Fragen: „Höre mal, du gehst manchmal zur hl. Messe nach Ecône, manchmal in die Pfarrei. Meinst du wirklich, du kannst das länger so machen?“ Ich war nämlich in meiner Pfarrei und Gemeinde tief verwurzelt, sozial und politisch engagiert. Einmal war ich enttäuscht von der Predigt meines Pfarrers gegen Erzbischof Lefebvre. Ich sprach danach mit dem Pfarrer. Er wollte, dass ich unbedingt in der Pfarrei bleibe. Er setzte mit seinen Kritiken fort, die Stimmung wurde immer schlechter. Ich entschied mich, nicht mehr in die Pfarrei zu gehen. Auf Grund unserer Verbundenheit mit Ecône haben wir Freunde und auch Arbeitsaufträge verloren. So war das damals. Aber man muss zum Himmel schauen. Das alles hat uns noch mehr mit dem Erzbischof verbunden.

Eines Tages fragten mich meine Mitstreiter in Ecône, ob ich nicht Erzbischof Lefebvre in Unieux in Frankreich, ca. 75 Kilometer südwestlich von Lyon, abholen könnte. Es war meine erste Reise mit ihm. Ich hatte geplant, die Autobahn zu benutzen. Aber der Erzbischof sagte zu mir: „Es ist ein Glück, einen Bergchauffeur zu haben, wir werden also die Autobahn vermeiden und durch die Berge fahren.“ Wir haben länger gebraucht, auch haben wir öfter angehalten. Wir schafften es also nicht mehr, bis zum Abend anzukommen, so wie es geplant gewesen war. Ich musste dort Bescheid sagen. Ich sagte zum Erzbischof: „Man wird darüber nicht glücklich sein.“ – „Es spielt keine Rolle“, antwortete er, „wir werden irgendwo halten und essen.“ Er kannte von seinen vielen Reisen Frankreich perfekt, auch gute Gasthäuser. Überall, wo er mit mir hielt, wurde er von den Gastleuten wie ein König empfangen.

Ich wurde also in die Gruppe der Chauffeure des Erzbischofs aufgenommen. Wir waren immer ca. fünf bis sechs Fahrer, zu diesen gehörten Alfons und Marcel Pedroni, Gratien Rausis, Maître Roger Lovey. Wir teilten unter uns die verschiedenen Reisen des Erzbischofs auf.

Einmal rief er mich an, er musste eine Reise unternehmen, die nicht angenehm war. Sobald wir abgefahren waren, betete er wie üblich das Gebet „Sub tuum praesidium“ und sagte dann gleich: „Wie ich Ihnen gesagt hatte, ist es keine angenehme Reise, wir müssen den Frieden bringen“. – „Kein Problem, Monseigneur, ich habe keine Angst.“

 

MB: Wie liefen für den Chauffeur die Reise mit Monseigneur im Auto?

Herr Edmond Moulin: Wir beteten öfter zusammen den Rosenkranz. Auf den Reisen bekamen wir viel von seinen Sorgen und seiner Verantwortung mit. Er erkundigte sich immer über die Familie. Wie geht´s Ihrer Frau, Ihren Kindern, usw.? Meine Frau strickte und flickte die Socken für das ganze Seminar.

Als seine Schwester, Mutter Marie-Gabriel, die Gründerin der Schwestern der Bruderschaft St. Pius X., im Sterben lag, fuhr ich in aller Eile mit ihm ins Mutterhaus der Schwestern Saint-Michel-en-Brenne. Auf der Fahrt, während der Erzbischof betete, sagte er plötzlich: „Ach! Wir kommen zu spät, sie ist heimgegangen.“ Als wir angekommen waren, fragte man, wann sie gestorben sei. Es war genau der Zeitpunkt, als er es mir gesagt hatte. Ich war davon sehr beeindruckt.

Wir sind noch eine Weile im Mutterhaus geblieben. Ich kannte Saint-Michel-en-Brenne schon gut. Mit meiner Firma und mit Marcel Pedroni hatten wir das ganze Kloster nach dem Kauf im Jahr 1975 renoviert. Wir verbrachten damals dort eine ganze Woche oder zwei. Wir gingen während der Arbeiten zur hl. Messe in die nahegelegene Abtei Fontgombault.

Ich bin auch in Paris gewesen. Ich habe mitgearbeitet an der Renovierung des ersten Gebäudes, das die Bruderschaft dort, nämlich in Suresnes, erwarb. Das ist heute der Distriktsitz.

Dann auch war ich auch in Quiévrain in Belgien dabei, als eine andere Schwester des Erzbischofs, Mutter Marie-Christiane, dort den ersten Karmel gegründet hat. Eines Tages, als ich mit Erzbischof dort war, sagte er zu mir: „Wir gehen meine Schwester besuchen.“ Es gab schon die Klausur, ich antwortete ihm: „Ich lasse Sie gehen und warte einfach auf Sie.“ Er sagte: „Nein, kommen Sie mit! Ich werde ihr sagen, sie soll im Sprechzimmer den Schleier öffnen.“ Wir kamen dort an, er begann mit ihr zu reden und er sagte: „Ich bin hier mit Herrn Moulin, ziehe den Schleier auf.“ Ich sah zum ersten Mal ihr Gesicht.

Wir sind vor der Gründung in Quiévrain schon mit Mutter Marie-Christiane nach Belgien gefahren, um ein potentielles Gebäude zu besichtigen, das ein Karmel hätte werden können. Dieses besagte Projekt wurde aber nicht verwirklicht. Ich hatte zum Erzbischof gesagt: „Seien Sie vorsichtig“. Mehrmals hatten wir Kaufprojekte angeschaut, wir wurden sehr gut empfangen. Monseigneur war aber weise. Er sagte einfach: „So, wir werden überlegen.“ Dann, im Auto, fragte er mich, was ich vom Gebäude hielte. Ich sagte ihm: „Kaufen Sie dieses Objekt nicht, man hat Ihnen Mängel verschwiegen.“ Ich hatte gemerkt, dass man den schlechten Zustand des Hauses verschleiert hatte. „O, danke!“, antwortete er. Und so war das Thema erledigt. Er hörte sehr genau auf Ratschläge. Er erkundigte sich auch gerne, wie man bei uns in Wallis baute, er stellte Fragen über das Material, über die Technik usw. Am Anfang waren wir erstaunt und dachten: Wir stehen vor einem Ingenieur. Was war Monseigneur für ein großer Apostel und Missionar!

 

MB: Erinnern Sie sich an seinen Humor?

Herr Edmond Moulin: O wie er gerne lachte! Er hatte im mitmenschlichen Kontakt eine große Ausstrahlung. Er lachte und scherzte gerne. Wir waren erstaunt, wie schnell er lachen konnte. Auch am Ende seines Lebens. Ich besuchte ihn zwei Tage vor seinem Tod im Krankenhaus. Ich sah ihn auf seinem Sterbebett lachen. Es war wirklich wunderbar. Mit seiner Art verblüffte er in den Besprechungen der Bauleute alle Teilnehmer, Bauleute und Unternehmer.

 

MB: Was war Ihre längste Reise mit ihm?

Herr Edmond Moulin: In Amerika! Wir mussten zuerst nach Ridgefield für die Primiz, ca. 90 Kilometer von New York entfernt. Das ehemalige Jesuitenkolleg wurde 1979 erworben. Wir flogen dann nach Bogotà in Kolumbien und besuchten seine Schwester Marie-Thérèse Toulemonde. Sie lebte dort mit ihrer Familie. Sie starb 2017 mit 92 Jahren.

Ihr Mann war wohlhabend, aber das Gelände musste stets überwacht werden. Die Sicherheitslage war in Kolumbien immer gefährdet. In Lima, der Hauptstadt von Peru, war der Erzbischof diskret von den höchsten Behörden eingeladen worden. Wir wurden stets begleitet von der Polizei, um ihn zu schützen.

Von Buenos Aires in Argentinien fuhren wir dann nach Montevideo für eine hl. Messe mit Firmung. Man wusste nicht, wie viele Gläubige kommen würden. Am Ende waren es 737 Firmlinge! Viele Katholiken kamen von sehr weit her. Manche dieser dankbaren Gläubigen, denen man die hl. Messe genommen hatte, knieten, bloß, um die Soutane von Monseigneur zu berühren.

Wir flogen dann nach Rio de Janeiro in Brasilien. Der Erzbischof kannte dort einen wichtigen Unternehmer, und dieser wollte unbedingt, dass er ihn besuchte. Wir wurden mit unserem Schweizer Pass in das Flugzeug eingelassen, aber Erzbischof wurde zurückgehalten. Er befahl uns, ohne ihn zu fliegen, er werde nachkommen. Wir mussten also ohne ihn fliegen. Als wir kamen, lag der rote Teppich für uns bereit. Monseigneur kam bald nach, mit einem anderen Flugzeug.

 

MB: Welches ist Ihre wichtigste Erinnerung?

Herr Edmond Moulin: Meine wichtigste Erinnerung? In Freude oder im Leid? Zuerst meine beste Erinnerung im Leid. Es war die Zeit, als in Ecône sich unter den Seminaristen Cliquen absonderten und sich dem Erzbischof widersetzten. Ich habe Monseigneur fast weinen sehen. Er sagte: „Hier, sie sind wie meine Kinder. Sehen Sie, was jetzt geschieht…“ Er hatte fast Tränen in den Augen, es hat mich erschüttert.

Meine freudigste Erinnerung ist es, die Tradition wiedergefunden zu haben. Ich denke, das ist auch das Wichtigste: Ich habe das zurückgefunden, was ich immer gelebt habe. Ich war bereits als kleines Kind Ministrant. Ich ministrierte noch mit 17 Jahren. Ich habe die hl. Messe wiedergefunden, sowie diese katholische Luft, wo wir doch selbstverständlich katholisch sind. Ich habe selber in unserem Dorf viel Ablehnung erfahren, weil ich nach Ecône zur hl. Messe ging. Das war nicht einfach. Aber ich habe dort das katholische Leben wieder gefunden, das ich in meiner Kindheit gehabt hatte. Auch die Freude am Gebet und den Stolz, den Rosenkranz zu tragen.

 

MB: Was berührte die Menschen in ihrer Begegnung mit Monseigneur am meisten?

Herr Edmond Moulin: Die Menschen empfanden dankbare Freude, den Erzbischof zu sehen. Ich habe so viele Frauen weinen sehen, weil sie den Erzbischof begrüßen durften. Ob in Frankreich, in Deutschland, in Italien oder sonst wo. Wenn Monseigneur aus dem Auto stieg, stand da schon eine Gruppe, die auf ihn wartete. Manche konnten nicht mehr reden, so sehr waren sie von Freude erfüllt. Ich durfte es beobachten. Für viele Menschen war er wie der Überwinder dieser Kirchenkrise, in der man ihnen die Messe und die katholische Luft genommen hatte.

Ich habe aber auch schon mal das Gegenteil erlebt. In Paris, auf der Straße bei Saint Nicolas-du-Chardonnet, stand eine Gruppe von Kirchenhassern, die ihn lautstark verspottete.

MB: Vergelt’s Gott für das Gespräch.