Geschichte der FSSPX: War die Gründung der Bruderschaft unnütz?

13. Juli 2020
Quelle: Distrikt Deutschland
Abbé Paul Aulagnier

Erzbischof Marcel Lefebvre zog am 1. November 1990 Bilanz

Wenige Monate vor seinem Heimgang (1991) konnte Erzbischof Marcel Lefebvre auf zwei Jahrzehnte seiner Stiftung zurückschauen. In einer Predigt in Ecône am 1. November 1990 blickte er auf die Gründung im Jahr 1970 zurück.

„Ja, tatsächlich, heute, auf den Tag genau, sind es zwanzig Jahre, dass ich mich nach Freiburg zu Seiner Exzellenz Bischof Charrière von Freiburg begeben habe, um ihn nach dem Ergebnis seiner Prüfung und der notwendigen Untersuchung unserer Statuten, unserer Konstitutionen, die ich ihm Anfang Juli unterbreitet hatte, zu befragen. Er hatte also vier Monate Zeit gehabt, diese Konstitutionen zu prüfen. Und ich gestehe, dass ich mich etwas beklommen in das bischöfliche Palais begeben habe. Die Zeit war jedwedem Werk der Tradition gegenüber schon sehr ablehnend geworden. Deshalb hat mich die bange Frage, was mir Seine Exzellenz Charrière wohl antworten würde, sehr beschäftigt. Aber zu meinem Erstaunen und begreiflicherweise zu meiner Freude sagte er mir gleich: „Ja, ja einverstanden! Ich werde Ihnen das sofort unterfertigen.“ Er ließ seinen Sekretär holen, bat ihn um die Dokumente, der Brief an mich war schon bereit, und Seine Exzellenz hat vor mir die Annahme unserer Statuten, unserer Konstitutionen unterschrieben. Ich gestehe, das war für mich ein kleines Wunder, und ich dachte mit Spannung an die Reaktion unserer „Ältesten“, unserer ersten Seminaristen auf diese offizielle Annahme der Gründung der Priesterbruderschaft St. Pius X. Und wirklich, als ich in die Rue de la Vignettaz kam und das den lieben Mitbrüdern, die anwesend waren, eröffnete, einige von ihnen sind ja auch heute hier anwesend, war das eine wahre Explosion der Freude und der Verwunderung. Die Priesterbruderschaft St. Pius X. war offiziell von der Ortskirche von Freiburg durch Seine Exzellenz Bischof Charrière anerkannt! Und etwas später erhielten diese selben Statuten, die von Bischof Charrière genehmigt nach Rom gesandt worden waren, auch die offizielle Genehmigung von Kardinal Wright, dem Präfekten der Kongregation für den Klerus. Sie war unterfertigt vom damaligen Sekretär der Kongregation Erzbischof Palazzini, heute Kardinal Palazzini, daher in offizieller Weise. Kardinal Wright und der heutige Kardinal Palazzini haben den Segen dieser Statuten anerkannt und uns ermutigt, das schon begonnene Werk fortzuführen. Welche Gnade für die Bruderschaft, dass wir diese offiziellen Anerkennungen erhalten haben! ...

Der Erzbischof erinnert an die traurigen und herzzerreißenden Umstände der Nachkonzilszeit

„Ach, leider waren wir gezwungen festzustellen, dass die Revolution, die ausgebrochen ist, im Begriff ist, täglich mehr um sich zu greifen. Wir befanden uns im Jahr 1970, das Konzil hatte seit fünf Jahren seine Pforten geschlossen und man hatte verheerende Reformen eingeführt, verheerende! Denn was ist schließlich den Priestern der Pfarren widerfahren, diesen armen Priestern, von denen viele allerdings nichts mehr vom Priester hatten als den Namen? Sie haben das bewiesen, indem sie ihr Priestertum aufgegeben und sich wieder der Welt angeschlossen haben. Viele von ihnen hatten noch ihren Glauben bewahrt, hatten den Wunsch bewahrt, sich heiligmäßig ihrem Messopfer zu verschreiben. Aber da hat man ihnen sowohl das heilige Messopfer als auch ihren Katechismus gewissermaßen aus der Hand gerissen, also jenes Wort Gottes, das im traditionellen Katechismus aufgezeichnet ist, der nichts anderes ist als die Verkündigung des Wortes Unseres Herrn Jesus Christus. Man hat ihnen den Katechismus verfälscht. Man hat von ihnen verlangt, einen anderen Glauben zu lehren, der nicht mehr der katholische Glaube ist. Stellen Sie sich den Schmerz dieser Priester vor! Und man zwingt sie auch heute noch, alle Kinder ihrer Pfarre diese ihrem Glauben widersprechenden, dem katholischen Glauben widersprechenden Sätze zu lehren. Man hat ihnen das Messopfer entrissen, man hat es umgeändert, man hat es ganz offensichtlich dem protestantischen Abendmahl viel mehr angenähert als dem wahren katholischen Messopfer. Das ist offenkundig. Diese Umänderung hat vielen dieser Priester einen tiefen Schmerz bereitet. Im Übrigen haben sich viele von ihnen zurückgezogen. Bischöfe haben sich zurückgezogen, haben ihren Abschied genommen, um nicht mehr gezwungen zu sein, diese Revolution in die Tat umzusetzen. Viele Priester haben ihre Pfarre verlassen; jene, die konnten, haben ebenfalls ihren Abschied genommen. Ich habe einige von ihnen weinen gesehen, weinen vor Schmerz! Und ich bin überzeugt und habe es schon oft gesagt, dass mindestens zwei Erzbischöfe, der von Madrid und der von Dublin, vor Schmerz über diese entsetzliche Revolution, die die Natur des Priesters verändert hat, gestorben sind. Für den Priester, der nicht mehr das wahre Messopfer darzubringen, sondern nur eine einfache Eucharistiefeier zu halten hat, ein Teilen nach Art der Protestanten, und der nicht mehr den wahren Katechismus zu lehren hat, wie er ihn selbst in seiner Kindheit gelernt hat, bedeutet das einen Dolchstoß ins Herz, und umso mehr für die Bischöfe, die wissen, dass sie gewissermaßen für das, was in ihrer Diözese geschieht, verantwortlich sind. Ja, diese furchtbare Reform war wirklich eine Revolution, die weitergeht und noch nicht beendet ist. Sagen Sie mir also, meine lieben Freunde, meine geliebten Brüder, ob die Institution der Priesterbruderschaft St. Pius X. unnütz, vergeblich war. Sie ist die klar gezielte Gegenrevolution durch die Bekräftigung des Glaubens, des katholischen Glaubens aller Zeiten, sie ist die Gegenrevolution durch die Darbringung des wahren Messopfers, das die Quelle der Heiligkeit, die Quelle des Lebens ist ...“

Der Gründer der Bruderschaft verweist auf die Bedeutung zweier der ersten Seminaristen

„Die Entstehung unserer Priesterbruderschaft St. Pius X. war ganz bestimmt von der Vorsehung gewollt. Ich bin davon umso mehr überzeugt, weil ich selbst ein, manchmal vielleicht etwas ungenügend lenksames, Werkzeug Gottes war, denn ich habe mich im Lauf jener Jahre 1969, 1970 auf einmal gefragt, ob man dieses Unternehmen nicht aufgeben solle. Nur weil meine beiden Schutzengel mir zur Seite gestanden sind, nämlich Abbé Aulagnier und Abbé Tissier de Mallerais, die mich gestärkt haben und mir beigestanden sind wie, so stelle ich mir vor, die heiligen Engel, die Unserem Herrn im Ölgarten beigestanden sind und Unserem Herrn die Worte eingegeben haben „fiat voluntas tua — Dein Wille geschehe“, ist die Bruderschaft entstanden und Wirklichkeit geworden. Und ich glaube, dass nach zwanzigjährigem Bestehen alle, selbst alle, die jetzt außerhalb der Bruderschaft stehen, die ihr nicht mehr folgen oder sogar mit ihr nicht einverstanden sind, wirklich zugeben müssen, dass sie von Gott gesegnet wurde. Ein Beweis dafür sind jene, die von Rom gekommen sind, um uns offiziell zu visitieren und im Goldenen Buch dieses Seminars Worte ihrer Bewunderung für das Werk eingetragen haben, das sich hier in diesem Seminar verwirklicht hat. Ja, die Bruderschaft war wirklich gottgewollt und hat unzählige Gnaden erhalten. Das ist auch unser großer Trost in den schweren Prüfungen, die uns auferlegt wurden.“