Erzbischof Marcel Lefebvre: Zwei Kardinäle

20. Juni 2022
Quelle: Distrikt Deutschland
Kardinal Ottaviani bei der Unterzeichnung des Konkordats 1933

Aus einem Vortrag am 10. Oktober 1990 in Albias (Frankreich)

Wir mussten also drei Kriege erleben, den Krieg von 1914 bis 1918, den Krieg von 1939 bis 1945 und den Krieg von 1962 bis 1965. – „Von 1962 bis 1965? Aber da war doch kein Krieg, Monseigneur, Sie irren sich.“

Es war der furchtbarste Krieg, [wirklich] der furchtbarste Krieg, den wir erlebt hatten. Besser der Tod der Leiber als der Tod der Seelen, als der Tod der Geister. Dieser Krieg von 1962 bis 1965 war ja zugleich ein Höhepunkt, ein Ende und ein Beginn, das Ende einer wahrhaft diabolischen Unternehmung im Innern der Kirche und der Beginn einer Revolution im Innern der Kirche, einer wahren Revolution. Deshalb war es uns, wenn wir das bleiben wollten, was wir sind, wenn wir katholisch bleiben wollten, unmöglich, diese revolutionären Änderungen anzunehmen, ohne unseren Glauben aufzugeben.

          Die Tatsachen sind da, die zeigen, dass [diese Änderungen] die schreckliche Folge der Einführung der revolutionären Ideen in das Innere der Kirche durch die Männer der Kirche sind. Sie haben sich des Zweiten Vatikanischen Konzils bedient, um diesen revolutionären Ideen im Innern der Kirche zum Sieg zu verhelfen. Ich glaube, dass das das Schwerwiegendste ist, was wir seit mehr als dreißig Jahren erleben.

          Feinde der Kirche hat es ja außerhalb der Kirche immer gegeben. Es hat immer Feinde Unseres Herrn Jesus Christus gegeben. Kaum hatte sich Unser Herr Jesus Christus in Seinem öffentlichen Leben gezeigt, befand Er sich auch schon in Opposition zu den Schriftgelehrten und den Pharisäern, die Ihm nachstellten, Ihn während der drei Jahre Seines öffentlichen Lebens verfolgten und ans Kreuz geschlagen, gekreuzigt haben. Seit jener Zeit hat dieser mit allen Mitteln gegen Unseren Herrn Jesus Christus geführte Krieg nicht aufgehört. Sie wissen das selbst sehr gut, Sie kennen Ihre Geschichte der Kirche genügend, um alles das zu wissen, was die Kirche im Lauf der Jahrhunderte von denen erlitten hat, die ihren Untergang und den Tod Unseres Herrn Jesus Christus fortsetzen wollten.

          Wir wussten es zwar schon, aber das spielte sich außerhalb der Kirche ab oder es haben diejenigen, welche in der Kirche ihre Feinde wurden, sie durch Häresien oder durch Schismen verlassen. Heute hingegen ist die Situation viel ernster, viel schrecklicher, weil es Feinde sind, die sich im Innern der Kirche [weiterhin] befinden.

          Ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht bewusst, ist nicht so wichtig, ob sie vorsätzlich handeln, ob sie wirklich bewusste und entschlossene Feinde sind, das weiß Gott allein, jedenfalls aber handeln sie als Feinde der Kirche.

          Wir haben das im Lauf des Konzils gesehen. Ich habe als Beispiel oft jene heftige Opposition zwischen zwei Männern der Kirche angeführt: auf der einen Seite Kardinal Ottaviani, der die katholische Kirche und ihre Tradition von zwanzig Jahrhunderten vertrat und auf der anderen Kardinal Bea, der den liberalen, modernistischen Geist vertrat. Diesen liberalen und modernistischen Geist gab es im Innern der Kirche bereits zur Zeit des hl. Pius X., der ihn verurteilen musste.

          Ich war also Zeuge dieser Opposition auf der letzten Sitzung der Zentralen Vorbereitenden Kommission des Konzils. Da sind zwei Ideologien hart und gewaltsam aufeinandergeprallt: die revolutionäre Ideologie derer, welche die Prinzipien der Menschenrechte angenommen hatten oder annehmen wollten mit allem, was diese beinhalten: jene Art von Atheismus, von tiefgründigem Atheismus des Menschen, der nur mehr seine Freiheit in Betracht zieht und der nicht mehr das Gesetz Gottes berücksichtigen, der nicht mehr sich selbst im Verhältnis zu Gott betrachten will, der unabhängig sein will, unabhängig von Gott, unabhängig von der Kirche. Diese Freiheitsideologie hatte Kardinal Bea vertreten. Der beste Beweis dafür ist, dass der Text, den er uns vorgelegt hat, mit „Die Religionsfreiheit“ betitelt war. Der Text hingegen, den uns Kardinal Ottaviani über denselben Gegenstand vorlegte, hatte als Titel „Die religiöse Toleranz“. Denn die Kirche toleriert den Irrtum, die Kirche toleriert die falschen Religionen, aber sie kann sie nicht genehmigen, sie kann sie nicht auf dieselbe Ebene stellen wie die wahre Religion, das ist nicht möglich. Die Kirche behauptet traditionell, dass sie die einzige wahre Religion ist, von Gott selbst gegründet, von Unserem Herrn Jesus Christus, und dass daher die anderen Religionen falsch sind, dass man daher Missionar sein muss, um die Anhänger dieser falschen Religionen zu bekehren, um sie zu Katholiken zu machen, damit sie gerettet werden. Das war immer der Glaube der Kirche, das war die Existenzberechtigung der Missionen in der Kirche, die Seelen bekehren und nicht den Seelen sagen, eure Religion ist ebenso gut wie die unsere.

          So sind also diese beiden Ideologien durch zwei Personen aufeinandergeprallt, die in gewisser Weise die Opposition im Innern der Kirche charakterisierten. Kardinal Ottaviani hatte Kardinal Bea offen gesagt, dass er mit seinem Text nicht einverstanden sei und dass er im Übrigen nicht das Recht habe, ihn zu verfassen. Kardinal Bea hat sich daraufhin erhoben und ihm erwidert: „Also auch ich bin grundsätzlich gegen Ihren Text.“ Wer hat recht gehabt, Kardinal Bea oder Kardinal Ottaviani? Wer hat recht, die Revolution oder die katholische Kirche? Die Revolution hat sich gegen die katholische Kirche erhoben: „Man muss Schluss machen mit diesem Klerikalismus. Man muss mit dieser Autorität der Kirche Schluss machen, mit dieser Autorität Unseres Herrn Jesus Christus über die Gesellschaft.“

Es ist klar, dass die Kirche die Prinzipien der Revolution nur verurteilen konnte, wenn sie der Botschaft Unseres Herrn Jesus Christus treu sein wollte. Das haben im Lauf des 19. Jahrhunderts alle Päpste getan und auch jene während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis Papst Pius XII. Sie alle haben die Prinzipien der Revolution verurteilt. Da hat sich aber in jener Zentralen Vorbereitenden Kommission eine Clique von Kardinälen gebildet, die mit Kardinal Bea die Prinzipien der Revolution annehmen wollte. […]

          Und so hat das Konzil begonnen: mit einer heftigen Opposition zwischen zwei Gruppen von Kardinälen in der letzten Sitzung der Zentralen Vorbereitenden Kommission! Eine Gruppe um Kardinal Bea, den revolutionären Ideen zugeneigt, also dem Atheismus des Staates und gegen die Herrschaft Unseres Herrn Jesus Christus über die Gesellschaft, die andere Gruppe um Kardinal Ottaviani, die ihm folgte und offensichtlich für die Herrschaft Unseres Herrn Jesus Christus über die Gesellschaft war und die falschen Religionen zwar tolerierte, aber ihnen nicht den gleichen Platz einräumte wie der wahren Religion, wie Unserem Herrn Jesus Christus, den die Kirche als Gott betrachtet, von dem sie behauptet, dass Er Gott ist. Das sind Dinge, die so einfach zu sein scheinen. Aber auf diese Weise ist die Revolution wirklich in das Innere der Kirche eingedrungen.