Erzbischof Marcel Lefebvre: Tragische Doppeldeutigkeit des II. Vatikanischen Konzils

18. Oktober 2021
Quelle: Distrikt Deutschland

Aus dem Rundbrief an die Wohltäter vom 3. September 1975

Wie ist es zu erklären, dass man sich im Namen des Zweiten Vatikanischen Konzils in einen Gegensatz zu jahrhundertealten und apostolischen Traditionen stellen kann, indem man das katholische Priestertum selbst und seinen wesentlichen Akt, das heilige Messopfer, in Frage stellt?

Eine schwerwiegende und tragische Doppeldeutigkeit lastet auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das von Johannes XXIII. und Paul VI. selbst mit den Worten präsentiert wurde, die die Doppeldeutigkeit des Konzils begünstigt haben: Es sei das Konzil des „Aggiornamento“, des die Kirche „auf den neuesten Stand Bringens“, es sei ein „pastorales und nicht dogmatisches Konzil“, wie es auch Paul VI. erneut vor einem Monat genannt hat.

            Diese Parolen schlossen in der Situation der Kirche und der Welt im Jahre 1962 ungeheure Gefahren in sich, denen das Konzil auch tatsächlich nicht entgangen ist. Es war ein Leichtes, diese Worte so zu übersetzen, dass die liberalen Irrtümer im Konzil breiten Eingang finden konnten. Eine liberale Minderheit unter den Konzilsvätern und vor allem unter den Kardinälen war sehr aktiv, sehr gut organisiert und bestens unterstützt durch eine große Anzahl von modernistischen Theologen und eine Vielzahl von Sekretariaten. Man denke nur an die enorme Produktion von Druckschriften durch die IDOC,1 die durch die Bischofskonferenzen Deutschlands und Hollands subventioniert wurde.

            Sie hatten leichtes Spiel, nachdrücklich die Anpassung der Kirche an den modernen Menschen zu fordern, d. h. an den Menschen, der sich von allem befreien will, die Kirche als unangepasst und ohnmächtig darzustellen und die Schuld auf die Vorfahren abzuladen. Die Kirche wird als an den vergangenen Spaltungen ebenso schuldig hingestellt wie die Protestanten und die Orthodoxen. Sie solle die heutigen Protestanten um Verzeihung bitten. Die Kirche der Tradition sei schuldig mit ihren Reichtümern und ihrem Triumphalismus. Die Konzilsväter fühlten sich schuldig, weil sie außerhalb der Welt stehen, weil sie nicht von der Welt seien. Sie schämten sich schon ihrer bischöflichen Insignien, bald ihrer Soutanen.

            Diese Atmosphäre der Befreiung sollte bald alle Bereiche erobern und sich in jenem kollegialen Geist niederschlagen, hinter dem sich das Schamgefühl darüber verbirgt, eine persönliche Autorität auszuüben, die doch sehr im Gegensatz zum Geist des modernen Menschen, d. h. des liberalen Menschen, stehe. Der Papst und die Bischöfe sollten fortan ihre Autorität auf kollegiale Weise in den Synoden, den Bischofskonferenzen, den Priesterräten ausüben. Die Kirche solle sich den Prinzipien der modernen Welt öffnen.

            Auch die Liturgie wird liberalisiert, angepasst, dem Experimentieren der Bischofs­konferenzen preisgegeben.

            Die Religionsfreiheit, der Ökumenismus, die theologische Forschung, die Revision des Kirchenrechts sollen den Triumphalismus einer Kirche abschwächen, die sich als alleinige Arche des Heiles erkläre! Die Wahrheit finde sich aufgeteilt in allen Religionen, ein gemeinsames Suchen werde die universale religiöse Gemeinschaft, gesammelt um die Kirche, entwickeln.

            Die Protestanten von Genf, sagt Marsaudon2 in seinem Buch „Der Ökumenismus, gesehen von einem Freimaurer von Tradition“3, triumphieren, die Liberalen wie Fresquet (Seite 119) triumphieren. Endlich werde die Ära der katholischen Staaten verschwinden. Gleiches Recht für alle Religionen! „Die freie Kirche im freien Staat“, lautet die Formel von Lamennais! Die Kirche werde an die moderne Welt angepasst! Das öffentliche Recht der Kirche und alle oben angeführten Dokumente seien Museumsstücke, die der Vergangenheit angehören!

            Lesen Sie die Beschreibung der modernen, im Umbruch begriffenen Zeit am Anfang der Pastoralen Konstitution über die Kirche in der Welt von heute „Gaudium et spes“; lesen Sie die Schlussfolgerungen, sie sind reinster Liberalismus. Lesen Sie die Erklärung über die Religionsfreiheit „Dignitatis humanae“ und vergleichen Sie sie mit der Enzyklika „Mirari vos“ von Gregor XVI., mit „Quanta Cura“ von Pius IX., und Sie werden fast Wort für Wort den Widerspruch feststellen.

            Zu sagen, dass die liberalen Ideen das Zweite Vatikanische Konzil nicht beeinflusst haben, bedeutet, Evidentes leugnen. Die innere wie die äußere Kritik beweisen es in reichem Ausmaß.

Anmerkungen

1 International Documentation on the Conciliar Church.

2 Ives Marsaudon, Botschafter des Malteserordens beim Heiligen Stuhl unter Johannes XXIII. und Hochgradfreimaurer.

3 „L’œcumenisme vu par un franc-maçon de tradition“, Edition Jean Vitiano, Paris 1964.