Erzbischof Marcel Lefebvre: Dispositionen für die Teilnahme an der Messe

08. Juli 2020
Quelle: Distrikt Deutschland

Bei der Messe ist es unser Herr, der die Opfergabe darbringt, und er ist es, der dargebracht wird. Wir sind also hineingenommen in diese Einheit unseres Herrn Jesus Christus, und folglich sind wir zugleich schon ein bisschen Priester und Opfergaben, wir bringen uns mit unserem Herrn zum Opfer dar, aber er ist der Priester und er ist die Opfergabe.

Er zieht uns bei der Darbringung der Opfergabe mit sich als Glieder seines mystischen Leibes. Wir können uns nichts Schöneres, nichts Tieferes, nichts Tröstlicheres vorstellen als dieses Opfer, denn wir können uns für uns keine vollkommenere Hinopferung vorstellen. Das wäre nicht möglich, wenn wir nicht durch die heiligmachende Gnade mit unserem Herrn vereint wären. Wir könnten dann zwar versuchen, dem lieben Gott unsere Seele, unser Herz, unseren Leib darzubringen, unser Leben darzubringen, aber Sie sehen – was für ein Unterschied! Da wir von unserem Herrn getrennt sind – vor allem mit der Befleckung durch die Erbsünde! –, würde unser Opfer nicht zu Gott gelangen, weil wir ohne die Gnade im Stand von Sündern sind. Aber jetzt, nunmehr geheiligt durch die Gegenwart der heiligmachenden Gnade in uns, als Brüder unseres Herrn in dieser Teilhabe an der göttlichen Natur, ist es offensichtlich, dass unser Opfer die Dimension des Opfers unseres Herrn annimmt in dem Maß, als wir mit ihm vereint sind.[1]

Mit Unserer Lieben Frau vom Mitleiden vereint

Dadurch, dass sich der Gläubige im Verlauf der Messe mit dem Opfer Jesu Christi, des Priesters und der Opfergabe, vereinigt, ist er eingeladen, sich auch mit dem Mitleiden Unserer Lieben Frau am Fuß des Kreuzes zu vereinigen.

Die allerseligste Jungfrau Maria, die am vollkommensten, am tiefsten am Kreuzesopfer teilgenommen hat und darum auch am Messopfer, ist der Mensch, der nach unserem Herrn selbst wirklich am besten das heilige Messopfer verstanden hat. Sie kann Ihnen die Erklärung des Geheimnisses des heiligen Messopfers geben. Als sie auf dem Kalvarienberg war, neben dem Kreuz, da war es, dass sie am meisten an diesem großen Geheimnis des Kreuzesopfers teilgenommen hat. „Die Mutter Jesu stand aufrecht beim Kreuz“[2] – das Evangelium sagt es. Ihr Herz wurde mit dem Schwert durchbohrt, in jenem Augenblick, als sie die Schmerzen ihres Sohnes sah. Sie hat demnach mitgelitten, sie hat die Passion unseres Herrn geteilt, das Kreuzesopfer.

Um daher bestmöglich am heiligen Messopfer teilzunehmen, um wirklich während seines ganzen Lebens mit dem Kreuzesopfer vereint zu sein, ist es gut, sich unter den Schutz Unserer Lieben Frau vom Mitleiden, Unserer Lieben Frau von den Schmerzen zu stellen.[3]

Wenn wir während des Messopfers vor dem Altar stehen, können wir wirklich sagen, dass wir zugegen sind, wie wenn wir neben der allerseligsten Jungfrau, dem heiligen Johannes und der heiligen Maria Magdalena stünden, am Fuß des Kreuzes. Das ist völlig dasselbe. Das Blut unseres Herrn belebt unsere Seele. Bei den eucharistischen Wundern fließt das Blut aus der Hostie. Das Blut ist wirklich in der Hostie gegenwärtig.[4]

Es scheint mir, dass die allerseligste Jungfrau Maria, die sich nahe am Kreuz befindet, Unsere Liebe Frau vom Mitleiden, Unsere Liebe Frau, die Miterlöserin, jeden von uns einlädt, jede menschliche Kreatur, die in dieser Welt geboren wird. Sie nimmt uns gewissermaßen bei der Hand, um uns zum Kalvarienberg zu führen, um uns an den Verdiensten unseres Herrn Jesus Christus teilnehmen zu lassen.[5]

Die Messe – Quelle der christlichen Tugenden

Alle christlichen Tugenden kommen vom heiligen Messopfer. Ich weiß nicht, ob Sie das gelegentlich eines Hochamtes, einer schönen Zeremonie – fast möchte ich sagen: physisch –, spüren. Wenn das Opfer der Messe mit all seinem Glanz gefeiert wird, mit all seinem Ausdruck, mit all seiner Bedeutungstiefe, kann man nicht schlechter von dort hinausgehen, als man hineingegangen ist. Außer wenn man ein Herz aus Stein hat, oder wenn man nichts von der Zeremonie versteht, oder wenn man sich überhaupt nicht mit ihr vereinigt. Es ist unmöglich, dass man nicht besser hinausgeht, dass man nicht reiner hinausgeht – weil man sich dem Himmel genähert hat. All die Worte, die Gesten, die Zeichen im Verlauf dieser Zeremonien, all das ist heilig, ist schön, erhebt unsere Seele und reinigt sie demnach. Das hilft, die Keuschheit des Priesters zu begreifen. Da er im Herzen dieses himmlischen Opfers steht, ist es normal, dass der Priester keine Gedanken an die Welt mehr hat, nicht einmal an die Dinge, die erlaubt wären. All das wird ihm völlig fremd, weil sein Herz seiner Messe gehört, sein Herz gehört unserem Herrn Jesus Christus, sein Herz ist am Kreuz mit unserem Herrn Jesus Christus. Und die Christen spüren es auch, sie haben das nötig.[6]

Wir müssen das heilige Messopfer mit dem Bewusstsein verlassen, dass wir uns mit dem vereinigt haben, der alles ist – wir, die wir nichts sind.[7]

 

Anmerkungen

[1] Exerzitien für Seminaristen, Ecône, 22. September 1978.

[2] Stabat mater Jesu juxta crucem (nach Joh 19, 25).

[3] Vortrag für die Schwestern der Bruderschaft, Ecône, 19. November 1974.

[4] Geistlicher Vortrag, Ecône, 2. Dezember 1974.

[5] Predigt, Mariazell, 8. September 1975.

[6] Geistlicher Vortrag, Ecône, 2. Dezember 1974.

[7] Predigt zur Diakonatsweihe und den Niederen Weihen, Ecône, 3. April 1976.