Erzbischof Marcel Lefebvre: Die Klugheit in der Erziehung

04. September 2020
Quelle: Distrikt Deutschland
Erzbischof Lefebvre in der Mission

Die notwendige Festigkeit

Geben wir [den Kindern] eine solide aszetische Erziehung, die sie zur Ehrfurcht und zur Übung der christlichen Grundtugenden antreibt: brüderliche Liebe, Demut, Gelehrigkeit, Gehorsam, Selbstverleugnung.[1]

Man muss [den Kindern] kraftvolle Gewohnheiten [geben] und diese Natur zu bändigen wissen, die immer die Neigung hat, zu tun, was ihr gefällt, und nicht, was sie soll. An den Kleinigkeiten des Lebens kann man ablesen, ob man sich selbst im Griff hat. Und das muss man anstreben, nicht mit dem Ziel, dass unsere Kinder Aszeten oder Spartaner werden. Ebenso wenig ist es das Ziel, die Kinder zu erziehen, wie man Tiere dressiert. Ziel ist es, ihnen durch unser Verhalten zu helfen, ganz unserem Herrn zu gehören, so sehr, dass sie an dem Tag, wo unser Herr von ihnen etwas verlangt, was sie etwas kostet – gewohnt, sich ihm zu unterwerfen –, ja sagen.

[Leider] ist unsere moderne Erziehung [allzu oft] jämmerlich. Der Egoismus wurde in der Kindheit gehegt und gepflegt, weil die Eltern sich zu sehr in den Dienst ihrer Kinder gestellt und ihre Kinder nicht genug an das Opfer gewöhnt haben, sie nicht genug angehalten haben, an ihre Geschwister zu denken, an die anderen zu denken. Man hat den Kindern geschmeichelt, man stand ihnen zu Diensten, man hat sie gefragt, was sie wünschen. Das Kind wünschte zu essen, man hat ihm zu essen gegeben. Es wünschte zu trinken, man hat ihm zu trinken gegeben. Es wünschte hinauszugehen, man hat es hinausgehen lassen. Die Eltern waren ihnen ständig zu Diensten. Das ist eine absolut jämmerliche Erziehung. Die Eltern sind nie auf den Gedanken gekommen, zu ihrem Kind zu sagen: Bring doch ein Opfer; lerne bitte schön, dir etwas zu versagen. Sobald das Kind etwas wünschte, hat man es ihm sofort gegeben.

Da haben die Kinder, die so erzogen worden sind, große Mühe, daran zu denken, dass es um sie herum Menschen gibt. Sie denken nur an sich. Sie kommen nicht auf die Idee, sich mit ihrem Nachbarn zu befassen, mit jemandem, der krank ist, zum Beispiel, weil man ihnen nicht beigebracht hat, an die anderen zu denken, bevor man an sich selbst denkt. Das macht, dass es für viele junge Menschen sehr schwer geworden ist, Opfer zu bringen. Man hat sie nicht zum Verzicht erzogen.[1]

Vom Alter von zwei, drei, vier, fünf Jahren an müssen die Eltern ihre Kinder in den Griff bekommen. Als gute Christen müssen sie wissen, dass ihre Kinder verwundet sind. Sie tragen die Wunden, die in jedem Menschen nach der Erbsünde zurückgeblieben sind, so dass man sofort in ihnen die Fehler, den Egoismus, die Schwäche aufkeimen sieht.[2]

Folglich dürfen die Eltern nicht den Fehlern ihrer Kinder schmeicheln. Sie dürfen ihre Launenhaftigkeit, ihre Ichsucht, ihren Trotz nicht lieben. Man darf zum Beispiel nicht über sie sagen: Oh, er ist lustig, der Kleine, schau mir das an, wie lebhaft er ist, wie eigensinnig er ist. Ach, er ist eigensinnig, weil er stolz ist. Bald möchte man sagen, das sei eine gute Eigenschaft. Sie schmeicheln ihm, Sie schmeicheln seinem Fehler, er wird danach noch stolzer sein. Sagen sie nicht von ihm: Ach, mein Kleiner, das wird später einmal ein Prachtkerl, du wirst sehen. Ach ja, ein schöner Prachtkerl. Vielleicht wird er seine Eltern später zum Weinen bringen durch seine schlechten Angewohnheiten und durch seine schlechten Neigungen. Man muss in den Kindern lieben, was von Gott kommt, und nicht, was vom Teufel, von der Sünde und von allen schlechten Neigungen kommt.[3]

Daher die Notwendigkeit für die Eltern, ihre Kinder sofort zu korrigieren. Wenn die Eltern ihre Kinder ihren ungeordneten Neigungen überlassen, werden ihre Fehler nur wachsen, bis zum Zeitpunkt, wo sie Gefahr laufen, schwere Sünden zu begehen, weil man ihnen nicht geholfen hat, sich zu bessern.[4]

An den Eltern ist es, zu versuchen, die Wunden zu heilen, durch die Gnade, durch das Gebet, durch die Sakramente, durch die Ratschläge, durch das Beispiel usw. Die so erzogenen Kinder fügen sich gut wieder in die Ordnung ein, in der sie leben müssen, und gereichen später ihren Eltern zum Trost.[5]

Das Erlernen der Freiheit

Wir müssen wünschen, dass diese Menschen durch eine wirkliche Erziehung zur echten Freiheit – die darin besteht, von selbst das Gute zu tun – dieses Namens würdig werden und einen Gebrauch dieser Freiheit im Einklang mit dem Willen des Schöpfers erlernen. Diese Erziehung kann nur unter dem Einfluss der Religion geschehen. Eine Erziehung, wo Gott nicht vorkommt, wird zwangsläufig zur Freizügigkeit führen, die nichts anderes ist als der schlechte Gebrauch der Freiheit.[6]

In der Familie ist es für die Eltern eine Pflicht, bei der Erziehung der Kinder das Böse zu verhindern, jedes Mal, wenn es darum geht, ihnen zur Erkenntnis der Wahrheit oder zum Erwerb der Tugend zu verhelfen. Mit der Jugendzeit jedoch muss eine gelungene Erziehung zur Schulung in der Freiheit werden, was – mehr als die Repression – den Aufruf zur Selbstdisziplin nahelegt.[7]

 

Anmerkungen

[1] Brief an die Mitbrüder, Rom, 25. März 1960, in Hirtenbriefe, S. 142

[2] Geistlicher Vortrag, Ecône, 20. September 1976.

[3] Geistlicher Vortrag, Ecône, 27. Oktober 1983.

[4] Exerzitien für die Schwestern der Bruderschaft, Saint-Michel-en-Brenne, Weißer Sonntag 1986, 9. Vortrag.

[5] Exerzitien für die Schwestern der Bruderschaft, Saint-Michel-en-Brenne, Weißer Sonntag 1984, 8. Vortrag.

[6] Geistlicher Vortrag, Ecône, 27. Oktober 1983.

[7] „Hirtenbrief“, Dakar, 11. Februar 1950, in Hirtenbriefe, S. 94.

[8] Mes doutes sur la liberté religieuse, Clovis 2000, S. 119.