Die Vereinigung von Gottheit und Menschheit in Christus

20. November 2021
Quelle: Distrikt Deutschland
Die Versuchung Christi

Wahrer Gott und wahrer Mensch – Die Lehre der Kirche über Jesus Christus

7. Folgerungen aus der Vereinigung von Gottheit und Menschheit in Christus

Gottheit und Menschheit wurden in Christus nicht gemäß der Natur vereint, weil eine gott-menschliche Mischnatur nicht möglich ist, sondern in der Person des göttlichen Wortes. Das Geheimnis der Menschwerdung besteht also darin, dass die zweite göttliche Person zu ihrer göttlichen Natur eine vollständige, aus Leib und Seele bestehende menschliche Natur hinzugenommen hat. Gottheit und Menschheit sind in Christus darum zwar ungetrennt, aber auch unvermischt, wie es das Konzil von Chalzedon definiert hat. Betrachten wir nun einige Folgerungen dieser wunderbaren Vereinigung.

Die richtige Sprechweise

Wegen der Vereinigung der beiden Naturen in der zweiten göttlichen Person können göttliche und menschliche Attribute bei ihr derart ausgetauscht werden, dass von Gott Menschliches und vom Menschen Göttliches ausgesagt wird. Dies nennt man in der Theologie die Idiomenkommunikation, also die Mitteilung der Eigentümlichkeiten.

So ermahnt z. B. der hl. Paulus in Apg 20,28 die Bischöfe, „die Gemeinde Gottes zu weiden, die er sich mit seinem eigenen Blut erworben hat“. Gott hat natürlich kein Blut, aber da Jesus Christus eine göttliche Person ist, darf man sein Blut das „Blut Gottes“ nennen. Man kann also in Bezug auf Jesus sagen: „Dieser Mensch ist Gott“ oder „Gott hat gelitten und ist gestorben“. Falsch aber wäre es, wenn man sagte: „Die Menschheit ist die Gottheit“ oder „die Gottheit hat gelitten und ist gestorben“.

Aufgrund dieser Idiomenkommunikation ist auch der Ausdruck „Gottesgebärerin“ für Maria berechtigt, denn Maria hat zwar nicht die Gottheit geboren, aber den Menschen Jesus, der wahrer Gott ist.

Ende des 5. Jahrhunderts wurde die Formel „Einer aus der allerheiligsten Dreifaltigkeit hat gelitten“ von Bischof Petrus Fullo von Antiochien verwendet, um seinen Monophysitismus zu verbergen. Er wollte damit zum Ausdruck bringen, dass die Gottheit gelitten habe. Tatsächlich kann man diese Formel aber auch ganz rechtgläubig verstehen, denn Jesus Christus ist „einer aus der allerheiligsten Dreifaltigkeit“ und er hat gelitten, wenn natürlich auch nur in seiner menschlichen Natur.

Man sollte aber alle die Häresie begünstigenden Ausdrücke vermeiden. So kann man z. B. den Satz „Christus ist ein Geschöpf“ zwar richtig verstehen, aber wegen der Gefahr des Arianismus sollte man hier „als Mensch“ hinzufügen, also: „Christus ist als Mensch ein Geschöpf.“

Ein Fehler gegen die Idiomenkommunikation war die Ubiquitätslehre Luthers. Luther wehrte sich gegen Zwinglis bloß symbolische Deutung der Eucharistie, wollte aber auch die katholische Lehre von der Wesensverwandlung von Brot und Wein nicht annehmen. Er behauptete daher, Christus sei gemäß Seiner Menschheit allgegenwärtig und deshalb auch in der Eucharistie wahrhaft und wirklich zugegen, allerdings zusammen mit Brot und Wein, deren Verwandlung Luther nicht zugab. Das ist aber falsch, denn Christus ist zwar gemäß seiner Gottheit allgegenwärtig, aber nicht gemäß seiner Menschheit. Diese ist nur im Himmel gegenwärtig und eben in der Eucharistie, weil Brot und Wein in sie verwandelt werden.

Die Sündenlosigkeit Christi

Eine weitere Folge der Vereinigung von göttlicher und menschlicher Natur in der Person des göttlichen Wortes besteht darin, dass Christus als Mensch nicht nur frei von jeder Sünde war, sondern auch ganz und gar unfähig zu sündigen. Jede Sünde wäre nämlich auf Gott selbst zurückgefallen.

Im Evangelium sehen wir zunächst, wie Jesus im Streitgespräch mit seinen Gegnern an sie das Wort richtet: „Wer von euch kann mich einer Sünde überführen?“ (Joh 8,46) Das Konzil von Chalzedon lehrte dann im Anschluss an Hebr 4,15, Christus sei in seiner menschlichen Natur „in allem uns gleich“ gewesen „außer der Sünde“ (DH 301).

Auch die Engel und Seligen des Himmels können nicht mehr sündigen, weil sie Gott schauen und darum klar erkennen, welche Torheit eine jede Sünde ist. Die Muttergottes war wegen der Fülle der Gnade, die ihr geschenkt worden war, schon während ihres Lebens frei von jeder Sünde, selbst der kleinsten. Beides trifft ebenfalls auf Christus zu, weil dessen Seele schon während seines irdischen Lebens die Anschauung Gottes und die Fülle der Gnade besaß. Bei ihm machte aber noch ein weiterer Grund jede Sünde innerlich völlig unmöglich: Da es in ihm keine menschliche Person gibt, sondern alle seine Handlungen und Willensakte von der göttlichen Person ausgehen, hätte eine göttliche Person gesündigt, wenn er gesündigt hätte. Es sündigt ja nicht eine Natur, sondern eine Person. Die Person ist der Träger aller Handlungen.

Die Versuchungen konnten darum nur äußerlich an ihn herantreten, wie es bei der dreifachen Versuchung durch den Teufel der Fall war, von der das Evangelium berichtet. Eine innere Hinneigung zur Sünde gab es bei ihm nicht. Die Versuchung ist zwar keine Sünde, solange der Wille nicht zustimmt, wäre für den Sohn Gottes aber doch unangemessen gewesen. „Ein so beschaffener Hohepriester war uns geziemend: heilig, frei vom Bösen, unbefleckt, abgesondert von den Sündern hocherhoben über die Himmel“, lehrt der Hebräerbrief (7,26). Christus hat uns das Heil nicht durch den Kampf gegen Versuchungen verdient, sondern durch seine Liebe und Hingabe an den Willen des Vaters, vor allem im Leiden.

Die Anbetungswürdigkeit Christi

Wegen ihrer Vereinigung mit der zweiten göttlichen Person ist auch die Menschheit Christi anbetungswürdig. Gegen die Nestorianer, die in Christus zwei Personen annahmen und daher eine doppelte Anbetung lehrten, nämlich die des Logos und (als Mitanbetung) die des Menschen Jesus, stellte das Konzil von Ephesus den 8. Anathematismus Cyrills v. Alexandrien, der die „eine Anbetung“ des fleischgewordenen Wortes fordert (DH 259). Auch das 2. Konzil von Konstantinopel lehrte, dass der fleischgewordene Gott, das Wort, mitsamt seinem ihm eigenen Fleisch mit einer Anbetung anzubeten sei (DH 431). Pius VI. stellte gegen die Synode von Pistoia allerdings klar, dass die Menschheit natürlich nicht um ihrer selbst willen, sondern wegen ihrer Vereinigung mit dem Logos angebetet werde (DH 2661). Die Menschheit Christi wird also angebetet, weil sie die Menschheit des göttlichen Wortes ist. Wir beten also Jesus z. B. in der hl. Eucharistie an, nicht nur seine Gottheit, sondern auch sein Fleisch und Blut.

Bei den Vätern gibt es hierzu schöne Aussprüche. So schreibt der hl. Athanasius:

„Weder beten wir diesen Leib an, indem wir ihn vom Logos trennen, noch auch reißen wir den Logos, wenn wir ihn anbeten wollen, aus seinem Fleische heraus ... Wer also ist so abgeschmackt, dass er zum Herrn sage: ‚Weiche aus deinem Leib, auf dass ich dich anbete’?“[1]

Gut fasst auch der hl. Johannes v. Damaskus die katholische Lehre zusammen, wenn er schreibt:

„Das Fleisch ist seiner eigenen Natur nach keineswegs anzubeten, sondern es wird mit dem fleischgewordenen Logos angebetet, nicht zwar wegen seiner selbst, sondern wegen seines Logos, mit dem es der Hypostase (= der Person) nach verbunden ist. Denn wir bekennen nicht, dass das nackte, einfache Fleisch angebetet werde, sondern das Fleisch Gottes oder der fleischgewordene Gott.“[2]

Der hl. Thomas v. Aquin argumentiert, dass das eigentliche Objekt der Anbetung die göttliche Person ist. Diese wird in ihren beiden Naturen angebetet.[3] Da die menschliche Natur von der göttlichen Person nicht zu trennen ist, wird sie mitangebetet. Letztlich beten wir also den Gottmenschen an.

Auch Teile der Menschheit Jesu werden angebetet, insbesondere sein heiligstes Herz und sein kostbares Blut. Auch hier besteht das Motiv der Anbetung darin, dass es das Herz und das Blut der göttlichen Person ist. Das Herz gilt überall in der Welt als Symbol der Liebe, und so verehrt man im Herzen Jesu seine sich erbarmende gott-menschliche Liebe zu uns. Das Vergießen des eigenen Blutes für einen Freund oder das Vaterland wird ebenso überall als höchster Ausdruck der sich hingebenden Liebe angesehen, und darum verehren wir im kostbaren Blut Christi den Preis unserer Erlösung und die Freundesliebe Jesu, der sich für uns bis zum Letzten hingegeben hat.

Die Herz-Jesu-Verehrung wurde vor allem durch die Offenbarungen an die hl. Maria Margareta Alacoque, die in die Jahre 1673–1675 fielen, stark befördert und ausgebreitet. Sie ist jedoch viel älter und muss vor allem mit der Zisterzienserinnen-Abtei Helfta in Verbindung gebracht werden, wo sie von Mechthild v. Magdeburg, der sel. Mechthild von Hackeborn und der hl. Gertrud (alle 13. Jh.) gepflegt wurde. Der hl. Johannes Eudes († 1680) wurde von Pius X. im Dekret der Seligsprechung „Urheber, Lehrer und Apostel des liturgischen Kults des heiligsten Herzens Jesu“ genannt. Leo XIII. weihte 1899 dann die ganze Welt dem heiligsten Herzen Jesu. Er erhob das Fest auch zu einem Hochfest 1. Klasse.

Die Verehrung des kostbaren Blutes entfaltete sich seit der Zeit der Kreuzzüge durch die aus dem Heiligen Land mitgebrachten Reliquien (deren Echtheit allerdings wohl oft zweifelhaft ist, außer beim Turiner Grabtuch und dem Schweißtuch von Oviedo). In dieser Zeit entstanden auch Bruderschaften vom hl. Blut. Bedeutende Verbreiter dieses Kultes waren später die hl. Katharina v. Siena und der hl. Caspar del Bufalo († 1837), der Gründer der „Missionare vom Kostbaren Blut“. Das Fest wurde von Pius IX. als Dank für seine Rückkehr nach Rom von Gaëta aus 1849 für die ganze Kirche vorgeschrieben und von Pius XI. 1934 zum Fest 1. Klasse erhöht. Johannes XXIII. approbierte 1960 noch die Litanei zum kostbaren Blut, von der sog. Liturgiereform wurde das Fest dann aber abgeschafft.

Anmerkungen

[1] Adv. Adelphium n.3.

[2] De fide orth. IV,3.

[3] S Th III, q.25, a.1.