Die Infragestellung des "Rechts auf Abtreibung" in den USA (1)

07. Mai 2022
Quelle: fsspx.news

Politico, eine Zeitung, die sich auf Informationen über das Weiße Haus, den US-Kongress und die US-Regierungspolitik spezialisiert hat, veröffentlichte einen Entwurf für eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs, der die derzeitige Rechtsprechung zur Abtreibung im Land des Sternenbanners in Frage stellen würde. Die Veröffentlichung löste eine Welle von Reaktionen aus, die weit über die Grenzen der USA hinausging.

Auf welche Weise ist diese Infragestellung möglich? Was ist der Kern dieser Entscheidung, die die gesamte amerikanische Gesellschaft erschüttert, unabhängig davon, ob man dafür oder dagegen ist?

Hintergründe 

Im Jahr 1970 ist Jane Roe, ein Pseudonym für eine gewisse Norma McCorvey, geboren 1947, mit ihrem dritten Kind schwanger. Zwei davon hatte sie bereits aufgegeben. Da sie in Texas lebt, wo Abtreibung verboten ist, klagt sie gegen den Südstaat, der von seinem Staatsanwalt Henry Wade vertreten wird.

Nach einer Niederlage ging sie in Berufung und der Fall landete schließlich vor dem Obersten Gerichtshof. Am 22. Mai 1973 fällten die Richter des Obersten Gerichtshofs das berühmte Urteil Roe vs. Wade, das Abtreibung in den gesamten Vereinigten Staaten legal machte und das texanische Gesetz gegen dieses Verbrechen aufhob.

Bekehrung:

  • 1994 veröffentlichte Norma McCorvey ihre Autobiografie Der Fall Jane Roe, bevor sie zum evangelischen Protestantismus konvertierte. Sie gibt ihren Job in einer Abtreibungsklinik auf und setzt sich für die Illegalisierung von Abtreibungen ein. Sie äußert Reue über ihre Rolle bei der Entscheidung von 1973. 
  • 1998 konvertierte sie zum Katholizismus und veröffentlichte ein zweites Buch: Besiegt von der Liebe. Darin erklärt sie, dass ihre Konversion mit der Entdeckung des Lebens des Kindes im Schoß seiner Mutter begann. 
  • 2004 fordert sie den Obersten Gerichtshof der USA auf, Roe vs. Wade aufzuheben. Sie nimmt an Demonstrationen gegen Abtreibung teil und wird dafür sogar verhaftet. 2017 verstarb sie. 

Der Dokumentarfilm AKA Jane Roe 

Der Dokumentarfilm, der am 22. Mai 2020 ausgestrahlt wurde, zeigt ein Interview mit Norma McCorvey, das kurz vor ihrem Tod geführt wurde. Darin erklärt sie seltsamerweise, dass sie nur aus finanziellen Gründen eine militante Abtreibungsgegnerin gewesen sei. In der anschließenden Kontroverse stellten jedoch viele Zeugen, die die Protagonistin des Falls gut kannten, diese Aussage, die drei Jahre nach ihrem Tod veröffentlicht wurde, ernsthaft in Frage. 

Das Urteil und seine Grenzen 

Das Urteil, das in den meisten US-Bundesstaaten, in denen ähnliche Gesetze in Kraft waren, als Präzedenzfall galt, besagt, dass "das Recht auf Privatsphäre, das im 14. Zusatzartikel der Verfassung (...) enthalten ist, umfassend genug ist, um auf die Entscheidung einer Frau, ob sie ihre Schwangerschaft beenden will oder nicht, Anwendung zu finden".

"Ein Gesetz wie das texanische, das Abtreibung zu einem Verbrechen macht, außer wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist, ohne Rücksicht auf das Stadium der Schwangerschaft oder andere Interessen, die auf dem Spiel stehen, verstößt gegen den vierzehnten Verfassungszusatz", so die Entscheidung. Die Rechtsprechung legt auch den gesetzlichen Rahmen für den Zugang zur Abtreibung fest. Dieser ist bis zur Lebensfähigkeitsgrenze erlaubt, also etwa bis zur 22 oder 24 Schwangerschaftswoche. 

Der Gerichtshof erkannte jedoch an, dass das Recht auf Achtung des Privatlebens "nicht absolut" ist. "In einem bestimmten Stadium werden die Interessen des Staates und der Schutz der Gesundheit, der medizinischen Kriterien und des vorgeburtlichen Lebens dominant", so die neun "Weisen".

Fortsetzung folgt.