Der gute Zorn

07. Januar 2022
Quelle: Distrikt Deutschland

Von Pater Gerd Heumesser

Ist der Zorn Tugend oder Sünde? Oder einfach etwas Unvermeidliches wie das Atmen oder Husten?

Wir leben in einer Umgebung, in der wir ständig mit Unrecht konfrontiert werden. Da, so meinen die einen, wäre es geradezu niederträchtig, nicht in Zorn zu geraten, und sie verweisen darauf, dass auch Christus zornig wurde, als er die Händler im Tempel sah. Andere denken, der Zorn lasse sich gar nicht vermeiden, niemand sündige aber durch etwas Unvermeidliches. Doch andererseits sagt der Herr: „Jeder, der seinem Bruder zürnt, verfällt dem Gericht“ (Mt 5,22). Also ist der Zorn eine Sünde.

Der Zorn ist eine Leidenschaft, eine sinnliche Neigung, die in uns steckt, so ähnlich wie die Furcht oder die Traurigkeit oder auch die Esslust. Diese Neigungen sind gut, wenn sie sich von der Vernunft leiten lassen, sie sind schlecht, wenn sie sich verselbständigen und der Vernunft nicht mehr gehorchen. Es ist gut zu essen, solange die Esslust das Maß einhält, das vernünftig ist. Es wäre sogar eine Sünde, die nötige Nahrung nicht zu sich zu nehmen und sich selber zu schaden. Das wäre unvernünftig. Aber auch in die andere Richtung kann man sündigen. Wer sich durch die Esslust hinreißen lässt, viel mehr zu essen, als ihm guttut, oder nur Gummibärchen zu essen, weil er die mag, der sündigt, denn auch das ist unvernünftig.

Ähnlich ist es beim Zorn. Er ist gut, wenn er der Vernunft entspricht. Er ist schlecht, wenn er ihr nicht entspricht. Der Zorn ist nichts anderes als der starke Wunsch, sich zu rächen. Keiner wird aus heiterem Himmel zornig. Der Zorn braucht immer einen Auslöser. Rächen will man sich nur, wenn man irgendwie verletzt wurde. Zornig wird der, dem selbst ein Unrecht geschehen ist. „Der Beweggrund für den Zorn ist immer ein Schaden, der der eigenen Person angetan wurde“, schreibt Thomas (47.1). Dieser Schaden oder diese Verletzung kann ganz unterschiedliche Gesichter haben. Wenn andere uns Unrecht tun, zu etwas zwingen wollen, wozu sie nicht das Recht haben, wenn jemand unser Eigentum oder unsere Freunde angreift, wenn jemand uns verachtet und geringschätzt, dann regt sich diese Leidenschaft. Wir spüren sie nicht nur in der Seele, sondern auch am Leib. Das Herz schlägt schneller, der Hals wird dick, das Blut schießt in den Kopf, die Augen blitzen, die Lippen spannen sich an, wir würden am liebsten schreien.

Der Zornige will sich an dem rächen, der ihm Unrecht tut. Er will ihm vergelten, will ihm heimzahlen. Und tatsächlich gibt es Situationen, in denen es vernünftig ist, anderen zu vergelten, und dann ist der Zorn gut. „Wenn jemand begehrt, dass dem anderen vergolten wird, wie es der vernünftigen Ordnung entspricht, ist der Zorn lobenswert“, sagt der heilige Thomas (II.II. q. 158. a. 2).

Aber woran können wir erkennen, ob unser Zorn vernünftig ist? Der heilige Thomas nennt verschiedene Bedingungen.

Zuallererst braucht es einen gerechten Grund. Es muss ein wirkliches Unrecht geschehen. Wer mit einer gebrechlichen, alten Frau zornig wird, weil sie so langsam geht, dessen Zorn ist unvernünftig; schließlich kann die alte Frau nichts für ihre Gebrechlichkeit, sie tut niemandem ein Unrecht.

Wenn wir in die Welt und in die Kirche schauen, finden wir tatsächlich viel Unrecht, das hier geschieht. Gründe, die den Wunsch nach Vergeltung rechtfertigen, gibt es viele. Aber das rechtfertigt nicht schon jeden Zorn. Auch wer den Wunsch verspürt, ein wirkliches Unrecht vergelten zu wollen, hat nicht schon automatisch einen guten Zorn. Dazu muss der Zorn noch weitere Bedingungen erfüllen.

Der Beweggrund des Zornigen muss die Sorge um die Gerechtigkeit sein. Er muss vergelten wollen, damit die rechte Ordnung wiederhergestellt wird. Wer aus anderen Gründen bestrafen will, zum Beispiel um Macht zu demonstrieren, oder um seinen Hass abzureagieren, der sündigt. Die zweite Bedingung also für den guten Zorn: Der Wunsch nach Vergeltung entspringt aus der Sorge um die Gerechtigkeit.

Sind die beiden Bedingungen erfüllt, ist immer noch nicht jeder Zorn gut. Wer sich zwar aus einem berechtigten Grund hinreißen lässt zum Zorn, sich dann aber ganz dem Zorn hingibt und der Leidenschaft freien Lauf lässt, der handelt so unvernünftig wie jemand, der zwar isst, weil er Hunger hat, dabei aber sich der Esslust ganz überlässt und voll Gier und ohne Beherrschung sich auf die Schüsseln stürzt. „Der Zorn kann ungeordnet sein durch die Art und Weise des Zürnens, nämlich dann, wenn er innerlich zu sehr aufflammt oder sich äußerlich zu sehr durch Zeichen kundtut“ (II.II. q. 158. a. 3). Die dritte Bedingung für den guten Zorn: Der Zorn muss beherrscht sein.

Gerechter Grund, Sorge um die gute Ordnung, beherrschter Zorn – wenn diese drei da sind, kann der Zorn trotzdem noch ungerecht sein. Nämlich dann, wenn der Zornige den anderen auf eine Weise bestrafen will, die nicht gerecht ist. Wer aus einem gerechten Grund zürnt, der darf nicht wünschen, den anderen mehr zu bestrafen, als er es verdient hätte, oder auf eine Art und Weise dem anderen zu vergelten, die nicht erlaubt ist. Wer zum Beispiel beim Hören der Nachrichten alle möglichen Gewaltfantasien wachruft und sich ausmalt, wie er sich an den Politikern rächen würde, wenn er könnte, dessen Zorn entspricht nicht der rechten Vernunft. Das wäre so unvernünftig, wie wenn ein Hungriger zwar mit Recht essen will, dann aber seinen Hunger mit ungesunden Dingen stillt und nur Süßigkeiten isst. Das Essen ist berechtigt, die Art und Weise aber ist unvernünftig. Wer zu Recht anderen vergelten will, darf wünschen, dass sie vor ein Gericht gestellt und gerecht bestraft werden. Die vierte Bedingung also für den guten Zorn: Er wünscht dem anderen nur eine gerechte Strafe auf eine Art und Weise, die erlaubt ist.

Der Zorn Christi über die Händler im Tempel war ein solcher guter Zorn. Er erfüllte alle Bedingungen. Erstens handelte es sich um ein wirkliches Unrecht. Die Händler hatten im Tempel nichts verloren. Zweitens wollte Christus die rechte Ordnung wiederherstellen, drittens rastete er nicht aus, sondern blieb ganz und gar Herr über seinen Zorn. Und viertens war die Vergeltung, die er den Händlern antat, gerecht: Er vertrieb sie aus dem Tempel.

Wenn wir an Christi Stelle gewesen wären, dann hätten wir mit verschiedenen Versuchungen zu kämpfen gehabt. Leicht hätte es uns geschehen können, nicht nur der guten Ordnung wegen in Zorn zu geraten, sondern aus Abneigung gegen die herrschende Klasse der Hohepriester und Schriftgelehrten. Wir hätten vielleicht die Kontrolle über unseren Zorn verloren und wären richtig furios geworden. Und vielleicht hätten wir es nicht dabei belassen, die Händler aus dem Tempel zu vertreiben, sondern wären in Versuchung geraten, sie gleich noch ordentlich zu prügeln.

Es ist nicht leicht, den Zorn richtig zu dosieren. Christus gibt uns nur bei der Tempelreinigung ein Beispiel des Zornes; unzählige Male dagegen gibt er uns ein Beispiel der Sanftmut. Und darauf weist er noch ausdrücklich hin: „Lernt von mir, denn ich bin sanft und demütig von Herzen“ (Mt 11,29).