Brief des Generaloberen anlässlich des 50. Jahrestages der Gründung der FSSPX

04. November 2020
Quelle: Distrikt Deutschland

Die Priesterbruderschaft St. Pius X. dankt Gott für diese 50 Jahre ihres Bestehens.

Am Allerheiligenfest, dem Tag des Jubiläums, richtete der Generalobere der Priesterbruderschaft St. Pius X., P. Davide Pagliarani, einen Brief an die Mitglieder und Gläubigen der Priesterbruderschaft

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Brief des Generaloberen an die Mitglieder und Gläubigen der Priesterbruderschaft St. Pius X. anlässlich des 50. Jahrestages ihrer Gründung

Liebe Mitglieder und Gläubige der FSSPX,

es ist für mich eine aufrichtige Freude, mich an Sie wenden zu können in diesem ganz besonderen Augenblick der Geschichte unserer Bruderschaft, nämlich der Festfeier ihres goldenen Jubiläums.

Dieser 50. Jahrestag der Priesterbruderschaft St. Pius X. ist v.a. die Gelegenheit einer wirklichen, tiefen Danksagung. Zunächst Gott gegenüber, der nicht aufhört, uns zu unterstützen und uns mit Gnaden zu erfüllen trotz der Prüfungen, und der uns in den Prüfungen selbst stärkt. Wenn das Kreuz in diesem halben Jahrhundert der Geschichte nie gefehlt hat, so muss man darin den Beweis eines ganz besonderen Wohlwollens der göttlichen Vorsehung sehen, die die Übel nur zulässt zur Errichtung des göttlichen Reiches und der Heiligung Seiner treuen Diener. Eine Danksagung auch unserem Gründer gegenüber, der es verstanden hat, uns die kostbarsten Schätze der Kirche mit einer nicht erlöschenden Liebesflamme zu übermitteln, der erleuchtet war von einem tiefen Glauben und unterstützt von einer unerschütterlichen Hoffnung auf die Liebe Gottes selbst: „credidimus caritati“.

Dieser 50. Jahrestag lädt uns auch dazu ein, uns Rechenschaft zu geben über unsere heutige Lage: Ist die Flamme, die wir von unserem Gründer empfangen haben, immer noch lebendig? Läuft die so kostbare Fackel nicht Gefahr zu flackern und schwach zu werden, da sie all den Winden einer Krise, die sich in der Kirche wie in der ganzen Gesellschaft unendlich verlängert, ausgesetzt ist?

Laufen wir bei den Kämpfen aller Art, deren Dauer und deren Ende man nicht absieht, einerseits nicht Gefahr, zu ermüden? Muss man wirklich weiterkämpfen? Andererseits kann die Bruderschaft nach einem halben Jahrhundert der Auseinandersetzungen finden, sie sei bequem eingerichtet und sie genieße eine verhältnismäßig große Ruhe. Sind ein solches Eingerichtetsein, eine solche Ruhe nicht Gefahren? Muss diese Flamme, die wir unsererseits denjenigen, die uns folgen, weiterzugeben haben, nicht neu belebt werden?

Es ist nicht überflüssig, zu überprüfen, ob wir immer noch die Daseinsberechtigung unserer Bruderschaft vor Augen haben, ob wir ihr wahres Ziel weiterverfolgen, indem wir uns fragen, ob wir gut umgehen mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, um dieses Ziel zu erreichen. Dies ist sogar unabdingbar, wenn wir mit dem Schwung der vergangenen 50 Jahre fortfahren können wollen.

1. Soll die Bruderschaft kämpferisch sein?

Die providentiellen Umstände, unter denen Gott die Bruderschaft erwecken wollte und die jene einer schrecklichen Krise sind, in die die Kirche seit 60 Jahren eingetaucht ist, haben uns einen ganz besonderen Platz zugedacht, der die Form eines wahren Kampfes angenommen hat. Man kann sagen, dass es ein wenig für die Bruderschaft charakteristisch ist, kämpferisch zu sein. Seit dem Beginn muss sie mit Glauben, mit Mut, mit Ausdauer gegen die Feinde der Kirche kämpfen. Aber man darf sich nicht über das tiefe Wesen dieses Kampfes täuschen, der bei näherem Hinsehen nichts Außerordentliches oder Besonderes an sich hat.  Denn es liegt im Wesen der Kirche hienieden, streitbar zu sein. Die Bruderschaft ist ein Teil der Kirche, also ist sie notwendigerweise kämpferisch.

Welches ist unser Kampf? Seit dem Beginn war es der Kampf für die Erhaltung des Priestertums, und so ist es ganz gewiss noch heute. Und damit geht einher der Kampf für die hl. Messe, der Kampf für die Bewahrung der heiligen Liturgie. Unzweifelhaft ist es auch der Kampf des Glaubens, der Kampf für die Verteidigung der Lehre, die in tragischer Weise in Rom selbst bedroht ist durch die galoppierende Apostasie unseres Jahrhunderts. Schließlich ist es, um alles zusammenzufassen, der Kampf für den Christkönig, für die Herrschaft unseres Herrn in den Seelen und über die Nationen.

„MAN DARF SICH NICHT TÄUSCHEN ÜBER DAS WESEN UNSERES KAMPFES.“

Aber man muss genau verstehen, was damit ausgesagt ist … und nicht auf halbem Weg stehenbleiben. Welches ist die wahre Tragweite dieser Auseinandersetzungen, die wir aufgezählt haben? Welches ist der Daseinsgrund des Kampfes für die hl. Messe und für das Priestertum, des Kampfes für den Glauben, des Kampfes für den Christkönig? Es ist dies jene Wirklichkeit, die das Ziel der Kirche selber ist und der letzte Daseinsgrund all dieser Auseinandersetzungen, die sie im Lauf ihrer Geschichte austragen musste: es ist das geistliche Leben, die vertraute Vereinigung mit unserem Herrn als König.

Die Bruderschaft muss dies sehr lebendig vor Augen haben: Die Entfaltung des geistlichen Lebens in unseren Seelen ist der wahre Grund ihres von der göttlichen Vorsehung gewollten Daseins. So schreibt sie sich ein in den Kampf, der größer ist als sie selbst, der sie überschreitet und der in Wirklichkeit schon immer jener Jesu Christi und Seiner Kirche ist: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in der Überfülle haben.“ (Joh 10,10) Wenn wir in diesem großen Kampf unser Dasein haben und wenn wir an unserem Platz streiten, so geht es letzten Endes darum, uns mit unserem Herrn zu vereinigen. Dies ist Seine Herrschaft! Und dabei handelt es sich nicht um eine abstrakte Idee; es ist vielmehr eine konkrete, wirksame und vertraute Einigung. Es ist ein Leben!

Erzbischof Lefebvre bestand in wunderbarer Weise auf dieser Idee: „Unsere ganze Bruderschaft steht im Dienste dieses Königs; sie kennt keinen anderen, sie hat keinen anderen Gedanken, keine andere Liebe, keine andere Tätigkeit als für Ihn, für Seine Herrschaft, Seine Glorie und die Vollendung Seines Erlösungswerkes auf Erden. [1] Wir haben kein anderes Ziel, keinen anderen Daseinsgrund als Priester als jenen, uns für die Herrschaft unseres Herrn Jesus Christus einzusetzen. Indem wir dies tun, bringen wir den Seelen das geistliche Leben[2].“

Wenn wir auf der anderen Seite durch Gewohnheit oder Mattigkeit in diesem Kampf für das Leben und die Vereinigung mit Jesus Christus schwach werden, so sind wir nicht nur weniger bereit für den wesentlichen Kampf, sondern wir verlieren den Daseinsgrund der Kämpfe aus dem Auge, die wir mutig austragen wollen für die hl. Messe und das Priestertum, für die Lehre und für den Christkönig.

2. Was ist das geistliche Leben?

Das geistliche Leben ist nichts anderes als das Leben unserer Seele, für das uns Gott geschaffen hat und das unser Glück für die Ewigkeit ausmacht. Es ist das ewige Leben, das schon hienieden beginnt. Welche Wesensbestimmung gibt uns aber unser Herr von diesem Leben? „Das ewige Leben besteht darin, dass sie Dich erkennen, Dich den allein wahren Gott und Denjenigen, den Du gesandt hast, Jesus Christus.“ (Joh 17,3) Das geistliche Leben besteht also darin, Gott zu erkennen, unseren Herrn zu erkennen: Seine Person, Seine Gottheit, Seine Tugenden, das Heil, das Er uns bringt. Man muss Ihn kennen, um Ihn nachzuahmen und so zum Heil zu gelangen.

Es handelt sich nicht um eine rein spekulative oder wissenschaftliche Erkenntnis oder die eines Experten der Bibelwissenschaft. Es handelt sich um eine übernatürliche Erkenntnis Desjenigen, der „der Weg, die Wahrheit und das Leben ist“ (Joh 14,6) und den Glauben und die Gnade. Eine Erkenntnis, die Grundlage dieses Lebens ist, um sich in einer tiefen Vertrautheit mit unserem Herrn zu entfalten in einer brennenden Liebe: „Glauben bedeutet nicht nur den eigenen Geist der Wahrheit hinzugeben, sondern seine ganze Seele und sein ganzes Dasein Demjenigen zu übergeben, Der zu ihr spricht … und Der diese Wahrheit ist.  … Glauben ist Leben … dieses Leben ist das Leben selbst: ‚Glaubt an mich,‘ sagt Jesus. ‚Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben.“[3]

Auf diese Art ist die Seele immer mehr hingerissen durch die Liebe Desjenigen, der alles für sie geworden ist: Je mehr sie Ihn erkennt, desto mehr liebt sie Ihn, und je mehr sie Ihn liebt, desto mehr schreitet sie fort in der Erkenntnis, die sie von Ihm hat. Glaube und Liebe nähren sich gegenseitig, und die Seele wird auf diese Weise verwandelt, um ihrem göttlichen Vorbild immer ähnlicher zu werden.

Die Seele befreit sich so von den Ketten, die ihren Weg dem Heil entgegen behindern. Seit der Erbsünde neigt der gefallene Mensch dazu, alles auf sich selbst zu beziehen: Er kennt nur sich selbst, interessiert sich nur für sich, lebt wie auf sich selbst bezogen … bis dahin, Gott zu vergessen. Wenn aber Gott durch die Taufe mit diesem Menschen Sein Heilswerk beginnt, ihm die Glaubenserkenntnis gibt und dahin wirkt, ihn durch die Gnade Ihm selbst ähnlich zu machen, fängt der Mensch an, alles auf Christus zu beziehen. Bald kennt er nur noch Ihn, lebt in Ihm, mit Ihm als seinem Mittelpunkt … soweit, sich selbst zu vergessen. Dies ist das christliche Ideal als solches. Es erlaubt, über alle Hindernisse hinweg zu schreiten, bis unser Herr wirklich das Leben einer Seele ist, die ganz von Ihm erfüllt ist. Dies ist die wahre und endgültige Freiheit, die Jener verwirklicht, Der das ewige Leben ist.

„UNSER HERR WILL SICH ALLEN MITTEILEN, WIR SIND ALLE GESCHAFFEN WORDEN, UM DIESE GABE ZU EMPFANGEN.“

Wenn es wahr ist, dass im ewigen Leben unser Herr vollkommen unsere Seele erfüllt, dass er dann für die unendliche Zahl all Seiner Engel und aller Heiligen wirklich alles sein wird; und wenn es wahr ist, dass dieses ewige Leben hienieden mit dem geistlichen Leben beginnt, dann ist es nicht erstaunlich, dass unser Herr in diesem danach strebt, nach und nach den ganzen Platz einzunehmen.

Gewiss sehen wir auf der Erde Gott noch nicht, während wir Ihn im Himmel von Angesicht zu Angesicht schauen werden; unser Glaube ist keine absolut vollkommene Erkenntnis Gottes … Aber die Liebe, durch die wir ewig mit Ihm verbunden sein werden, ist nicht verschieden von jener, mit der wir Ihn schon auf Erden lieben. Und Er wird schon alles für uns, wenn wir Ihn wirklich aus ganzem Herzen lieben, aus ganzer Seele, aus all unseren Kräften und aus unserem ganzem Gemüte. Und dies bis zur vollständigen Hingabe unserer selbst.

Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass dieses wunderbare Leben nur für eine Elite zugänglich ist. Unser Herr will sich allen mitteilen. Diese immer liebendere Erkenntnis des fleischgewordenen Wortes ist nur die Entfaltung der Gabe des Verstandes, die all jene empfangen haben, die getauft und gefirmt sind. Und um diese zu empfangen und aus ihr heraus zu leben sind wir alle geschaffen worden.

3. Die notwendigen Mittel für dieses geistliche Leben

Wie wird uns diese Glaubenserkenntnis mitgeteilt? Vermöge welcher Mittel entfaltet sie sich schließlich in einem Leben der Liebe, um Christus ähnlich zu werden? Durch die Sakramente, durch die hl. Messe, durch die Kanäle der Gnade, die unserem Herrn Jesus Christus erlauben, uns Sich einzuverleiben.

„UNSEREM HERRN JESUS CHRISTUS ERLAUBEN, ALL DIE FÜLLE UNSERES GEISTLICHEN LEBENS ZU SEIN, DAS PRINZIP ALL UNSERER GEDANKEN, ALL UNSERER WORTE, ALL UNSERER HANDLUNGEN.“

 

Durch die Gnade lebt unser Herr in uns und lässt uns in Ihm leben. Und je mehr diese Gnade wächst, umso mehr nimmt das vertraute Leben mit Jesus Christus den ganzen Platz ein, dergestalt, dass uns nichts mehr von ihm trennen kann. Dies ist die Spiritualität des Evangeliums. Und dieses Ideal eint vollkommen das Leben des Christen, weil er mit der Person unseres Herrn geeint ist, weil der Sohn Gottes die Achse seines Lebens ist, um die sich all seine Sorgen und seine Handlungen drehen: Der Christ ist ein in sich geeintes Wesen. Es ist unser Herr, der das Prinzip seiner inneren Einheit ausmacht.

Hier also liegt unser Kampf: Unserem Herrn Jesus Christus erlauben, die Fülle unseres geistlichen Lebens zu sein, das Prinzip all unserer Gedanken, all unserer Worte, all unserer Handlungen. Und darum führen wir den Kampf für die hl. Messe, damit unsere Seelen durch die Gnade geheiligt werden können. Darum führen wir den Kampf für den Glauben, damit die Seelen ihren Heiland erkennen können, um Ihn mehr zu lieben und Ihm besser zu dienen. Deshalb kämpfen wir für die Herrschaft Christi, damit die Seelen Ihm dienen und vollkommen mit ihrem König vereint sein können.

Hier findet man tatsächlich den Geist des Kreuzzuges, den unser Gründer 1979 aus Anlass seines goldenen Priesterjubiläums ausgerufen hat, indem er sich auf seine lange Missionserfahrung stützte: „Wir müssen den tieferen Grund dieses Wandels etwas näher betrachten [der Heiden zu Christen]: Es ist das Opfer. […] Wir müssen einen Kreuzzug beginnen, gestützt auf das hl. Messopfer, auf das Blut unseres Herrn Jesus Christus, auf diesen unbesiegbaren Fels und auf diese unerschöpfliche Quelle der Gnaden, die das hl. Messopfer ist, um die Christenheit neu zu beleben. Dann werden Sie die christliche Kultur wieder aufblühen sehen, eine Kultur, die nicht eine Kultur für diese Welt ist, sondern die Stadt Gottes im Himmel vorbereitet.“ [4] Dieser Kreuzzug ist genau der unsrige: geistig streiten, gestützt auf die hl. Messe, damit das Leben Jesu Christi den Seelen und der ganzen Gesellschaft mitgeteilt werde.

Was aber passiert, wenn dieser Kampf für das geistige Leben aufhört?

4. Der moderne Mensch ist sich selbst überlassen und ohne Anhaltspunkte

Um auf diese Frage zu antworten, genügt es, den Blick auf den modernen Menschen zu richten. Wir sind betroffen angesichts des Fehlens von Einheit, die sein Leben charakterisiert: Dieser Mensch weiß nicht mehr, wer er ist, woher er kommt noch wohin er geht; er hat keine Orientierungspunkte mehr, er ist aus dem Gleichgewicht geworfen, hin- und hergerissen, in sich selbst gespalten. Falls sein Glaube nicht vollständig aus seinem Leben entfernt ist, so ist er zumindest nur ein schwacher Teil; er ist nicht mehr sein Leben. Der moderne Mensch will um alles in der Welt den Genuss einer freien Sphäre und unabhängig sein. Er will sich eines Lebensraumes erfreuen, in dem er niemandem Rechenschaft schuldet, selbst nicht Gott.

So sieht man z.B., wie die moderne Wissenschaft meint, das Terrain behaupten zu können, ohne dass der Glaube über sie urteile, und sie geht in ihrer Verwegenheit soweit, dass sie selbst über den Glauben urteilt. So sieht man, wie die Erziehung und die moderne Moral sich von jedem Prinzip loslösen und frei jenes Ziel anstreben, das sie sich selber setzen und schließlich zu vollkommen chaotischem Durcheinander gelangen. Schließlich sieht man, wie die laizistische Politik den Glauben und das Übernatürliche aus dem gesellschaftlichen Leben vollkommen verbannt.

„UNSER HERR IST VIELLEICHT NOCH EIN TEIL DES LEBENS DES MODERNEN MENSCHEN …ER IST NICHT MEHR SEIN LEBEN.“

Diese Keime von Apostasie, durch die unser Herr sich ganz konkret vom Leben der Menschen ausgeschlossen sieht, diese Abwesenheit von Prinzipien, die unvermeidlich zur Zerstörung und zum Chaos führen, machen jegliches einheitliche, einfache auf Jesus Christus ausgerichtete geistige Leben vollkommen unmöglich. Es ist dies freche und herausfordernde Befreiung vom Königtum des göttlichen Heilandes. Es ist dies verachtende Zurückweisung Seiner königlichen Ansprüche auf die Individuen und auf die Gesellschaft. Unser Herr ist vielleicht noch ein Teil des Lebens des modernen Menschen … Er ist nicht mehr sein Leben, Er hat nicht mehr den vollkommenen Einfluss auf diesen Menschen, Er ist nicht mehr das Prinzip all seines Handelns … Die volle Vereinigung dieses Menschen mit Jesus Christus wird somit unmöglich.

5. Das Zentrum der Krise der Kirche: die Öffnung zur Welt und ihrem Geist hin

Was heute die Krise, die wir durchleben, dramatisch macht, ist die Tatsache, dass die Kirche sich seit 60 Jahren dafür entschieden hat, dieses moderne Ideal willkommen zu heißen und in die Vorstellung einer Welt einzutreten, in der unser Herr nur noch einen eingeschränkten Platz hat. Sein umfassendes Königtum wird nicht mehr anerkannt, seit die Kirche die Religionsfreiheit besingt. Indem sie der menschlichen Person eine autonome Sphäre einräumt, ein Recht, gemäß ihrem persönlichen Gewissen, ohne Einschränkung und Zwang zu leben, ist die kirchliche Hierarchie schließlich dahin gelangt, die Rechte Jesu Christi über die menschliche Person praktisch zu leugnen.

„ES IST MEHR ODER WENIGER IN DER KIRCHE UNSERER TAGE UNMGÖGLICH GEWORDEN, UNSEREN HERRN VOLL UND WAHRHAFTIG ZU ERKENNEN UND AUS DEM GEISTIGEN LEBEN HERAUS ZU LEBEN, DAS AUS DIESER ERKENNTNIS FLIESST.“

Tatsächlich ist nicht nur Sein Königtum, sondern Seine Gottheit selbst in Frage gestellt, seit die Kirche sich dafür entschieden hat, dem Menschen im Namen seiner angeblichen Würde die Freiheit zuzugestehen, sich für unseren Herrn zu entscheiden oder ihn abzuweisen. Auf diese Art und Weise bringen die Männer der Kirche den Erlöser selbst zum Schweigen, der sagt „Ich bin Weg, die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6) Sie strafen selbst den hl. Petrus Lügen, der verkündet: „In keinem anderen ist Heil. Es ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir das Heil erlangen sollen.“ (Apg 4,12)

Ohne über die persönlichen Gnaden zu urteilen, die Gott immer geben kann, wem immer er will, ist es folglich mehr oder weniger unmöglich, in der Kirche unserer Tage unseren Herrn voll und ganz, wahrhaftig zu erkennen, Seine Gottheit, Sein Königtum und all Seine Rechte und das Heil, das Er uns bringt. Es ist folglich sehr schwierig geworden, aus dem geistlichen Leben zu leben, das aus dieser Erkenntnis fließt. Hier sieht man die Schwere der Krise, in die wir eingetaucht sind. Es ist nicht nur die hl. Messe, die Sakramente, der Glaube, die in Gefahr sind; vielmehr ist es durch all dies gerade die Vereinigung mit unserem Herrn, und all diese Mittel sind ja dazu bestimmt, uns diese zu schenken. Es ist der Zweck selbst der Kirche, das letzte Ziel des christlichen Lebens, das in tragischer Weise in Frage gestellt ist.

Unser Gründer stellte es mit Trauer fest: „Sie bringen uns nicht mehr unseren Herrn Jesus Christus, sondern eine sentimentale, oberflächliche, charismatische Religiosität. […] Diese neue Religion ist nicht die katholische Religion; sie ist steril, unfähig, die Gesellschaft und die Familie zu heiligen.“ [5]

6. Das stumpf gewordene Schwert des Evangeliums

Wie konnte die Kirche in diese katastrophale Lage hineingeraten? Wie ist es möglich, dass ein solcher Umsturz vor sich ging, dass solche Ideen in der Kirche Platz finden konnten, die der Lehre und dem Glauben aller Zeiten entgegenstehen?

Dies hat sich leider aus einem sehr einfachen Grund heraus ergeben: Das geistliche Leben, von dem wir gesprochen haben, ist nämlich Gegenstand eines Kampfes. Dieser Kampf, den jede einzelne Seele austragen muss, um die Herrschaft Christi in ihr auszudehnen, ist auch und zunächst jener der Kirche in ihrer Gesamtheit. Es ist dies ein allgemeiner Konflikt, bei dem sich die Kirche und die Welt gegenüberstehen und wobei es genau um diese Vereinigung der Seele mit Christus geht. Dieser Kampf ist schwierig, anstrengend und beständig. Er hat seit dem Beginn, nämlich an Pfingsten angehoben und wird dauern, solange die Welt steht. Folglich liegt in ihm, abgesehen von den inneren Schwierigkeiten dieses Kampfes, eine besondere Schwierigkeit in jener seiner Länge. Man ist ganz einfach erschöpft. Langsam ist dieses Ideal des geistlichen Lebens mit all seinen Forderungen erloschen. Die Christen fanden es mehr und mehr zu schwer, immer anzukämpfen. Sie haben gezögert, sich vollständig der Gnade Jesu Christi hinzugeben, damit diese sie umwandle und rette. Sie wollten nicht länger Seine Herrschaft und die Forderungen Seiner Liebe für sich. Sie hatten es satt, ständig den Verführungen der Welt Widerstand leisten zu müssen, die Tag und Nacht sich gegen die Errichtung der Herrschaft Christi in unseren Seelen verschwören. Sie haben den hl. Paulus zum Schweigen gebracht, der ihnen sagte: „Gleicht euch dieser Welt nicht an.“ (Röm 12,2) Und schließlich haben sie den Mut verloren. Angesichts der ständigen Angriffe der Welt haben die Christen unglücklicher Weise dem nur noch eine schuldhafte Schwäche entgegengesetzt. Ihr Katholizismus wurde furchtsam, versöhnlich und konziliar, liberal und banal. Ihr Lebensstil wurde mondän. Das Opfer, diese tiefe Charakteristik eines jeden authentischen christlichen Lebens, wurde aus ihm verbannt.

„UM KEINEN FEIND MEHR ZU HABEN HAT MAN ES VORGEZOGEN, JESUS CHRISTUS ZURÜCKZUDRÄNGEN UND OHNE IHN FÜR EINEN FRIEDEN OHNE GRUNDLAGE ZU ARBEITEN.“

Die lehrmäßigen Rechtfertigungen gesellten sich sodann dazu, um diese Trägheit und Müdigkeit abzusichern: „Nie mehr Krieg!“ Und man freundete sich damit an, an einen innerweltlichen Frieden zu glauben, an die allumfassende Harmonie unter allen Gläubigen, an dieses Hirngespinst eines mit der Welt versöhnten Katholizismus. „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch“, hat Jesus Christus gesagt, „nicht wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch“ (Joh 14,27). Aber um keine Feinde mehr zu haben, hat man es vorgezogen, Sein Angebot zu verwerfen und ohne Ihn für einen Frieden ohne Grundlage zu arbeiten. Was tut´s schon, wenn Ihm dies missfällt; es ist leichter, weniger fordernd und angenehmer, der Welt zu gefallen.

Weil dieses christliche Ideal der Vereinigung mit Christus immer weniger möglich zu leben ist in einer entstellten Kirche, die es mehr und mehr aufgibt und immer weniger kennt, ist es von größter Wichtigkeit zu verstehen, dass die Bruderschaft auf dieser Höhe heute wie gestern kämpfen muss, koste es, was es wolle.

Nun hat die Gefahr, unseren Herrn zu verlassen, um sich der Welt gleichförmig zu machen, immer bestanden. Seit dem Ölgarten sahen sich die treuesten Freunde des Erlösers stets dieser Prüfung ausgesetzt. Dieser Kampf der Treue ist eine Sendung aller Tage. Kann man sagen, dass die Bruderschaft darin treu ist?

7. Ist die Bruderschaft völlig immun?

Es ist eine wahre Gefahr für uns, nach 50 Jahren des Wachstums zu glauben, die Tradition könne leichter behütet und angenehmer bewahrt werden, da die Bruderschaft ja heute gut eingerichtet ist. Und dass das christliche Leben heute einfacher und weniger fordernd ist. Nichts ist so falsch wie dies: Die Forderungen eines geistlichen Lebens, eines inneren Lebens, eines Lebens der Vereinigung mit Christus macht einen Kampf an allen Tagen notwendig, einen großherzigen Kampf gegen die verführerische Versuchung, uns auf die Welt einzulassen.

Der Begriff des Opfers ist ein zutiefst christlicher, ein zutiefst katholischer Begriff“, daran erinnerte Erzbischof Lefebvre in seiner Predigt von 1979. „Unser Leben kann das Opfer nicht mehr entbehren, seit unser Herr Jesus Christus, Gott selbst, einen Leib wie den unsrigen angenommen und uns gesagt hat: ‚Folget mir nach, wenn ihr gerettet werden wollt.‘“

Es ist auch eine Gefahr nach 50 Jahren des Kampfes, sich durch diese Müdigkeit und diese Entmutigung lähmen zu lassen, wie sie die Seelen dazu geführt haben, nach und nach den Sinn des christlichen Lebens zu verlieren und nicht mehr die tiefen Gründe zu sehen, die ihre stets notwendigen Anstrengungen zur Grundlage haben.

Es ist folglich von allergrößter Wichtigkeit, dass dieses wirklich christliche Leben unser ständiger Inhalt bleibe und dass wir täglich mit der Gnade das unternehmen, was in unserer Macht steht, um dieses Leben der Liebe mit Jesus Christus möglich zu machen, um unserem Herrn den Weg freizumachen, unsere Seele zu erobern, um alle Hindernisse zu beseitigen, die der Errichtung Seiner Herrschaft in uns im Wege stehen. Der tägliche geistige Kampf, der durch die christliche Hoffnung unterstützt wird, ist unabdingbar, wenn wir wirklich Christus treu bleiben wollen. Dann wird Er wahrhaft in uns leben und wir werden für Ihn wie eine zweite Menschheit sein, in der Er frei Seinem Vater die Ehre und die Glorie erweisen kann, die Ihm geschuldet sind.

„IN DEM MASS DIESES IDEAL DES GEISTLICHEN LEBENS TIEF DAS UNSERE BLEIBT, IST UNSERE TREUE DEN KÄMPFEN DER TRADITION GEGENÜBER GESICHERT.“

Solange wir unserem Kampf nicht diese letzte Tiefe geben, laufen wir Gefahr, einen von der Wirklichkeit abgehobenen Streit auszufechten: unsere lehrmäßigen Schlachten werden dann nur kopflastige Redegefechte sein, rein spekulativ, ohne Fleisch und Blut. Ideen werden Ideen entgegenstehen, ohne dass unser sittliches Leben erleuchtet wäre durch die Klarheit unseres Glaubens. Unser Kampf für die Messe wird dann ein ästhetischer werden: Wir werden die überlieferte Liturgie allein deshalb verteidigen, weil sie schöner ist und mehr zum Gebet hinträgt. Dies ist freilich wahr! Aber hier liegt nicht der Grund, weswegen wir sie verteidigen. Dieser liegt viel tiefer: Weil sie das Mittel schlechthin ist, um die Menschen die Liebe unseres Herrn am Altar erkennen zu lassen. Das Mittel schlechthin, um voll in diese nämliche Liebe, in dieses nämliche Opfer einzutreten durch die Anbetung und die Hingabe seiner selbst. Hier liegt der letzte Grund des Kampfes für die Messe; und hier liegt die wahre Bedeutung des Wortes „Tradition“!

Solange dieses Ideal des geistlichen Lebens tief in uns verankert bleibt, und solange wir Tag für Tag der Gnade des Erlösers erlauben, dem Bilde Jesu Christi gleichförmig gestaltet zu werden, solange ist unsere Treue in den Kämpfen der Tradition sichergestellt und lebendig gemacht. Dieses Ideal, das Fleisch annimmt in einem Leben, das wirklich von diesem Geiste belebt ist, wird den Mitgliedern und Gläubigen der Bruderschaft die notwendige Stärke und Lebenskraft sicherstellen für ihre Beständigkeit im Dienste des Christkönigs.

8. Wie soll man den endgültigen Sieg vorbereiten?

Wie lange dauert diese Krise in der Kirche noch? Vor allem: Warum erlaubt Gott, dass sie immer noch dauert? Was erwartet Er von uns? Wir haben schon alles dargelegt über die Schädlichkeit der neuen Messe; wir haben alles gesagt über die Irrtümer der Religionsfreiheit, des Ökumenismus u.s.f. Was bleibt uns da darzulegen? Was fehlt, damit die Tradition aufs Neue in der Kirche in Ehren sei?

Es bleibt spekulativ nichts Neues zu sagen. Selbst wenn es offenkundig ist, dass man damit fortfahren muss, in der Predigt die Wahrheit nicht zu verschweigen und die Klage über die Irrtümer des II. Vatikanischen Konzils immer wieder vorzubringen. Dagegen bleibt etwas konkret zu geben: hier liegt die grundsätzliche Schlacht. Diese Lage mit ihren Schwierigkeiten verlangt von jedem von uns eine Anstrengung, um unserem Herrn etwas Endgültigeres, etwas Radikaleres darzubringen als das, was wir Ihm schon geben konnten: Es handelt sich um die bedingungslose Hingabe unserer selbst.

Genau das verlangt unser Herr, und um dies zu erlangen, erlaubt Er, dass diese Krise noch weitergehe. In Seiner Güte gibt Er uns noch Zeit. Nicht um uns zu ermüden! Nicht um uns bürgerlich einzurichten! Sondern damit wir uns noch großherziger hingeben. Der liebe Gott benützt diese Zeit, damit wir uns vermehrt Seiner Vorsehung und Seiner Liebe überlassen können. Da schließlich diese Schlacht die Seine ist, gehört auch Ihm die Stunde des Sieges. Für uns geht es darum, treu zu sein, solange es Ihm gefällt, uns zu prüfen. Die Krise ist notwendig, um bei den Freunden unseres Herrn eine tugendhaftere und heroischere Reaktion als Antwort auf die Angriffe Seiner Feinde zu sehen, um Seelen zu erwecken, die die Prüfung großherziger macht, mehr hingegeben, folgsamer den Eroberungen Seiner Gnade. Mit einem Wort: heiliger.

Dann wird die Flamme, die wir unsererseits denen weitergeben wollen, die morgen diesen Kampf als den ihren weiterführen, hell aufleuchten.

„DIESE SITUATION VERLANGT VON UNS EINE ANSTRENGUNG, DIE WIR UNSEREM HERRN DARBRINGEN SOLLEN, ETWAS ENDGÜLTIGERES, ETWAS RADIKALERES ALS DAS, WAS WIR IHM SCHON DARGEBRACHT HABEN.“

Zu dieser Großherzigkeit lade ich Sie ein. Durch die hl. Messe, den eifrigen Empfang der Sakramente, v.a. jenen der hl. Eucharistie, durch den Geist des Opfers, durch das Gebet wachsen in unseren Seelen die Erkenntnis und die Liebe des fleischgewordenen Wortes; durch sie unterstützt unser Herr Jesus Christus uns in unserem geistigen Kampf und gestaltet uns Seinem Bilde gleichförmig; durch sie werden unsere Seelen eins mit Ihm. Nachdem alles auf Ihn zurückgeführt ist, können wir dann mit dem hl. Paulus sagen: „Ich sehe alles als Verlust an, ja ich halte es geradezu für Kehricht, um Christus zu gewinnen, um mich in Ihm zu befinden mit der Gerechtigkeit, die vom Glauben an Christus Jesus ausgeht; um Ihn zu erkennen, Ihn und die Macht Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit Seinem Leiden, Ihm will ich auch im Tode ähnlich werden.“ [6]

Diese Worte des hl. Paulus fassen gut das zusammen, was Erzbischof Lefebvre als das Kostbarste uns hinterlassen hat: „Den tiefen und unwandelbaren Geist des katholischen Priestertums und des christlichen Geistes, die in ihrem ganzen Wesen mit dem erhabenen Gebet unseres Herrn verbunden sind, das Sein Kreuzesopfer ewig zum Ausdruck bringt.“ [7]

Das ist alles, was ich Ihnen wünsche. Alles andere ist in Wirklichkeit bedeutungslos.

Gott segne Sie!

Menzingen, Allerheiligen 2020

Don Davide Pagliarani,  Generaloberer

 

Anmerkungen

[1] Cor Unum, „Brief an die Mitglieder der Bruderschaft“, Weihnachten 1977

[2] Geistlicher Vortrag Écône, 29. Februar 1980

[3] Dom Guillerand, Au seuil de l´abîme de Dieu, Parole et Silence, p.60, dt.: dt.: An der Schwelle zum Abgrund Gottes.

[4] Predigt bei der Porte de Versailles am 23.September 1979

[5] Geistlicher Wegweiser, im Buch Damit die Kirche fortbestehe, S. 818/19

[6] vgl. Phil 3, 8-10

[7] s. Wegweiser, S. 813