Kreuzweg in Coronazeiten - 2. Station: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

Die Vorstellung, die Kunst des Lebens zu erlernen, sei etwas Leichtes, ist modern. Heute bilden Menschen sich ein, wenn sie nur zu Vergnügen, Macht, Ruhm, Liebe, Gesundheit und Reichtum gelangten, dann wären sie selig. Alles das ist jetzt durch Corona bedroht. Aber heißt das, dass wir in Coronazeiten nicht glücklich sein können?
 
Alle früheren Kulturen lehren etwas anderes. Ein werterfülltes Leben zu führen ist eine Kunst, die ein Mensch sich über die Jahre aneignet. Sie zu erlernen erfordert Anstrengung, Hingabe, Verstehen und Geduld.

Wir leben in einer von der Maschine beherrschten Zivilisation. Handwerkliche Arbeit wird durch maschinelle ersetzt. Ein Kleidungsstück oder ein Möbelstück herzustellen, war einmal eine schwierige Aufgabe. Um sie zu beherrschen, erlernte man den Beruf. Erst nach einer jahrelangen sorgfältigen Ausbildung mit Abschlussprüfung war man Fachmann. Heute ist für stets weniger Tätigkeiten Bildung erforderlich, die der einer Schneiderin oder eines Tischlers vergleichbar wäre. Das ist der Grund, warum wir fordern, dass unser Leben leicht und mühelos zu sein hat.

Die gleiche Entwicklung, alles mit Leichtigkeit zu tun, beobachten wir auch im Bereich des Konsums. Zu kochen, Auto zu fahren, zu fotografieren, ... verlangen kaum noch Fähigkeit, Erfahrung und Anstrengung. Mit einer Kurzanleitung und schon nach einigen wenigen Versuchen zaubert man leicht ein Essen auf den Tisch oder bearbeitet selbstständig ein Foto auf dem Bildschirm.

Darum meinen viele auch im Bezug auf die Kunst des Lebens mit einem Psychologentipp, einem Ratgeberbuch leicht und schnell zum Ziel zu kommen, ohne Mühe und ohne Lehrzeit. In der Coronakrise stellt niemand tiefergehende Fragen. Welche menschlichen und gesellschaftlichen Schwächen werden durch die Krise offenbar? Was lerne ich persönlich in der aktuellen Situation? Wie wachse ich daran? Wie beeinflusst und vertieft sie meinen Glauben? Die Mehrheit klagt über die Einschränkungen und sucht bequeme und schnelle Lösungen, um zur Tagesordnung zurückzukehren. Eine Maske, Schnelltests und eine Impfung sind die billigen Instrumente, die uns erlauben, nichts zu lernen.

Der Mensch aber ist dem Gesetz allen physischen und psychischen Lebens unterworfen: Leben bedeutet, zu wachsen und tätig zu sein; endet das Wachstum, setzen Verfall und Tod ein. Es ist leicht, den Körper am Leben zu erhalten und ohne Mühe stellen wir fest, wenn er tot ist. Was das Wachstum der Seele betrifft, täuschen wir uns oft.

Nach dem heiligen Thomas von Aquin ist das Ziel des Lebens, dass der Mensch ganz menschlich wird, indem er den Plan, den Gott für ihn hat, erfüllt. Diesen Plan zu sehen, studieren, akzeptieren, erfahren, erleben, ihn anzunehmen, bereit zu sein, zu lernen und zu wachsen schafft menschlichen Wert.

„Vater, lass diesen Kelch an mir vorübergehen“, so hat Christus gebetet und damit aufgezeigt, wie tief er uns versteht. Dann hat er das Kreuz angesehen, es in seine Hände genommen und auf seine Schultern gelegt. Er gibt uns den Mut, das Kreuz anzunehmen, um von Ihm zu lernen. Der Weg, der vor uns liegt, ist lang und zeitweise beschwerlich. Es ist der Weg, auf dem wir die Kunst des christlichen Lebens erlernen.