Ist das Grabtuch eine geniale Fälschung aus dem Mittelalter? (Teil 1)

Parallel mit der Entwicklung der Technik wurde das Turiner Grabtuch immer wieder mit neuen Untersuchungsmethoden, Bildanalysegeräten, Spezialcomputern und Mikroskopen erforscht, aber die Ausgangsfrage: „Wie kommt das Abbild des Gekreuzigten auf das Tuch?“ konnte noch immer nicht zufriedenstellend beantwortet werden.

Kein Stück Stoff der Weltgeschichte wurde derartig vielen Analysen unterzogen wie dieses Leinentuch. Natürlich erhoben sich immer wieder Stimmen, die der Meinung waren, bei der Abbildung auf dem Grabtuch handle es sich um ein Gemälde, der gefolterte Körper wäre im Mittelalter auf das Tuch gemalt worden, z.B. mit Wasserfarben. Die, die das behaupteten, fanden auch Argumente, um ihre Meinung zu unterstreichen. Aber da gibt es Fakten, die man nicht wegdiskutieren kann: 

  1. Egal, wie sehr man sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bemühte – und die Wissenschaftler lieferten sich erbitterte Schlachten um dieses Thema - Farbpigmente  nachzuweisen, es fanden sich einfach keinerlei Farben auf dem Grabtuch. Erbittert suchten die Experten mit den modernsten Geräten nach einem Hinweis, aber Farbpigmente ließen sich einfach nicht nachweisen! Selbst der Einsatz von Elektronenmikroskopen mit tausendfachen Vergrößerungen ergab kein Resultat! 
     
  2. Isabel Piczek (gest. 2016) war eine bekannte amerikanische Künstlerin und Kunstexpertin. Lange beschäftigte sie sich mit dem Grabtuch und kam schließlich zu dem Schluss, dass eine Malerei ausgeschlossen wäre, denn: Niemand hat im Verlauf der Kunstgeschichte bis in das späte 19. Jahrhundert jemals ohne Konturlinien gemalt. Mit Hilfe der Konturen sieht man, was man malt und wo man malt, ganz besonders bei einer so großen zu bemalenden Fläche. Auf allen Gemälden der Welt finden sich diese Konturen, wie hätte also ein mittelalterlicher Fälscher es geschafft, ein Bild ohne Konturlinien zu malen? 
     
  3. Isabel Piczek fand ein weiteres interessantes Detail:  Das Abbild auf dem Grabtuch zeigt einen starken perspektivischen Effekt: der Leichnam scheint flach zu liegen, in Wirklichkeit liegt er mit angewinkelten Beinen. Genauso aber war die Körperhaltung am Kreuz, die Menschen wurden mit angewinkelten Beinen gekreuzigt. Die psychische Belastung, die furchtbare Tortur der Geißelung und Kreuzigung, sowie die hohen Umgebungstemperaturen mussten den Eintritt der Leichenstarre enorm beschleunigt haben. Man kennt dieses Phänomen in der Medizin und nennt es „kataleptische Totenstarre“.  Während der Umgang mit der Perspektive heute in der Kunst gang und gäbe ist, kannten die Maler – und auch die Fälscher – des Mittelalters die Technik der perspektivischen Darstellung nicht!