6. April - Hl. Wilhelm, Abt

Der heilige Wilhelm wurde zu Paris im Jahre 1105 geboren und schon im zarten Alter von seinen vornehmen Eltern seinem Oheim Hugo, welcher Abt zu St. Germain war, zur Unterweisung in der Frömmigkeit und in den Wissenschaften übergeben.

Unter einem so großen Lehrmeister nahm er an Tugend und in den Kenntnissen so zu, dass er seinen Mitschülern als Muster vorgestellt wurde.

Nach Vollendung seiner Studien erhielt Wilhelm ein Kanonikat an der Genofevakirche. Der Lebenswandel dieser Herren Kanoniker war ziemlich frei. Wilhelm nahm dies bald wahr, ließ sich aber selbst durch ihr Gespött von seinem bisherigen gottesfürchtigen Leben nicht abwendig machen, denn er war dem Dienst Gottes mit ganzer Seele zugetan. Durch eifrige Mitwirkung mit der Gnade Gottes beherrschte er die sinnlichen Gelüste des Herzens und fand im Gebet und Lesen geistlicher Bücher größere Freude, als die Chorherren in weltlichen Vergnügungen. Nach einigen Jahren wurde ihm die Pfarrei Epinay übertragen, deren Inhaber den Ehrentitel „Probst“ führte. Dahin begab er sich mit Freude, weil er da Gelegenheit fand, ein stilles, zurückgezogenes Leben zu führen.

Unterdessen geschah es, dass jene Chorherren vom Papst Eugen III. mit Hilfe des Königs von ihrem Stift vertrieben und an deren Stelle Augustiner Chorherren eingesetzt wurden, die von St. Victor berufen wurden. Eudo (Odo), der ihnen als Abt vorstand, schickte ein Schreiben an Wilhelm und lud ihn auf das Freundlichste zur Rückkehr in das Stift ein. Er hoffte nämlich, dass die neu eingeführten Chorherren durch das Beispiel dieses heiligen Dieners Gottes zur Vollkommenheit aufgemuntert würden.

Wilhelm kam zum Abt, der ihn ermahnte, in den Orden der Augustiner Chorherren einzutreten, um so, von allen Gefahren der Welt entfernt, sein Heil desto sicherer zu wirken. Wilhelm konnte sich dennoch nicht sogleich entschließen, dem Rat des gottseligen Odo nachzukommen und mit dem Aufgeben seiner reichen Propstei den Ordensstand anzutreten. Eudo (Odo) zeigte Wilhelm das Bild des Gekreuzigten und sprach zu ihm: „Ist denn Gott, der um unsertwillen den Himmel verlassen hat, nicht wert, dass du ihm zuliebe dein Zeitliches verlassest?“

Mehr war nicht notwendig, um Wilhelm von der Versuchung zu überzeugen. Er fiel vor Schamröte auf die Erde und erklärte sich bereitwillig zu allem, was der fromme Abt von ihm verlangte, und begab sich nun in den Orden der Chorherren des heiligen Augustinus. Die Regel beobachtete er auf das Genaueste und leuchtete allen mit den schönsten Tugendbeispielen voran.

Es erschien ihm einst Christus der Herr im Schlaf und sprach zu ihm. „Wilhelm! Du musst in ein unbekanntes, weit entlegenes Land ziehen. Dort wirst du viele Verfolgungen und Widerwärtigkeiten finden. Verzage aber nicht, ich werde dir beistehen und dich im späten Alter zu mir in die ewige Seligkeit berufen.“

Wilhelm, durch die Verheißung der ewigen Seligkeit ungemein erfreut, opferte sich dem Herrn bereitwillig auf zu aller Mühe und Arbeit und zu allen Widerwärtigkeiten, die er über ihn kommen lassen würde. Anfangs wusste er nicht, was für ein Land von Gott bestimmt sei. Es war Dänemark, dahin rief ihn bald darauf der Bischof Absalon von Röskilde (Rothschild), der ihn zu Paris kennen gelernt hatte, und bat ihn, auf der Insel Seeland im Kloster Eskil der regulierten Chorherren des heiligen Augustinus die fast ganz verfallene Ordenszucht wiederherzustellen. Er reiste auf Befehl seines Obern mit drei anderen frommen Ordenspriestern dahin.

So angenehm dem frommen Bischof die Ankunft des heiligen Wilhelm und seiner Mitbrüder war, so sehr missfiel sie den Religiosen, welche in jenem Kloster lebten. Sie bereiteten dem heiligen Abt tausenderlei Verdrießlichkeit, verfolgten ihn auf allerlei Art - ja, zuletzt wollten sie ihn sogar an die Barbaren verkaufen oder um das Leben bringen.

Sie hatten keine andere Ursache dazu, als weil der heilige Mann die Beobachtung der Ordensregel wieder einzuführen und verschiedene eingeschlichene Missbräuche abzustellen sich bemühte. Der heilige Wilhelm ließ sich aber in seinen frommen Bemühungen weder durch Bedrohung, noch durch Todesgefahr schrecken. Er begegnete seinen Verfolgern mit größter Liebe, Geduld und Sanftmut so lange, bis er sie endlich zur Erkenntnis ihrer Fehler und zur Besserung ihres bis dahin schlimmen Wandels brachte.

Der Heilige hatte noch überdies die Freude, auch noch ein anderes Kloster auf der nämlichen Insel erbauen und mit eifrigen Mönchen besetzen zu können. Dazu trug auch der Umstand vieles bei, dass diejenigen, die den Heiligen anfangs verfolgten, mit der Zeit ganz deutlich erkannten, wie Gott seinen Diener wider alle ihre Anschläge augenscheinlich beschützte, ja ihm die Gabe, Wunder an verschiedenen Kranken zu wirken, verliehen hatte. Daher kam es, dass, so groß anfangs die Verachtung des heiligen Wilhelm bei den Übelgesinnten war, ebenso groß sich nachher die Hochschätzung und Liebe desselben bei allen Untergebenen zeigte.

Sieben Jahre vor seinem Ende erschien ihm im Schlaf ein ehrwürdiger Greis, der zu ihm sprach: „Noch sieben wirst du leben.“ Der Heilige, welcher damals schon in dem 91. Lebensjahr war, glaubte, die Bedeutung dieser Worte sei, dass er nach sieben Tagen sterben werde. Demnach bereitete er sich zu einem seligen Ende. Da er nach sieben Tagen sich noch, obwohl bei so hohem Alter, frisch und gesund befand, legte er jene Worte auf sieben Wochen aus, dann auf sieben Monate, endlich auf sieben Jahre. Wilhelm brachte diese Jahre in beständiger Vorbereitung zum Tode zu. Vor seinem Ende schickte ihm Gott der Herr noch eine schmerzliche Krankheit. Sein ganzer Leib wurde mit so vielen Geschwüren von dem Haupt bis zu den Fußsohlen bedeckt, dass man ihn ohne Schauder nicht ansehen konnte. Wilhelm zeigte in diesem so schmerzhaften Zustand, wie zuvor bei allen Verfolgungen, eine unüberwindliche Geduld. Wie er dem Leib nach dem heiligen Job glich, so bediente er sich auch der Worte desselben: „Haben wir Gutes von der Hand Gottes empfangen: warum sollen wir nicht auch das Schlimme annehmen? Wie es dem Herrn gefallen, so ist es geschehen. Der Name des Herrn sei gebenedeit.“

Am Gründonnerstag las er noch die Heilige Messe, reichte seinen Untergebenen die hl. Kommunion und gab ihnen die letzten Ermahnungen. Als er ihnen auch nach seinem Gebrauch die Füße waschen wollte, überfiel ihn ein so heftiges Seitenstechen, dass er davon ablassen musste.

Am heiligen Ostertag empfing er noch einmal die heiligen Sakramente und begehrte nach dem Beispiel des hl. Bischofs Martin von Tours, auf eine härene, mit Asche bestreute Decke gelegt zu werden. Als dieses geschehen war, übergab er seinen Geist getrost in die Hände seines Schöpfers am 6. April 1203. Ein weit davon entfernter Geistlicher sah in der Stunde, als der Heilige gestorben war, wie dessen Seele mit unaussprechlicher Glorie in den Himmel aufgenommen wurde, und zwölf Jahre zuvor gewahrte ein anderer einen ungemein herrlichen Thron, welcher in dem Himmel diesem Heiligen von Gott bestimmt war.
 


Quelle: 

P. Wilhelm Auer, Leben der lieben Heiligen Gottes