3. Station: Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz.

Schon nach einigen Schritten des Kreuzweges fällt der Herr. Wir fragen uns, ob nicht Sein Wunsch den Menschen in die Kunst des Lebens einzuführen, diesen ersten Sturz verursacht.
 
In der aktuellen Krise bedauern Kirchenmänner, Politiker, Eltern und Kinder, wir alle, den Verlust der Normalität. Unser Alltag ist angenehm und bietet Sicherheit. Wir genießen gutes Essen, feiern Feste, umgeben uns mit Luxus. Stolz blicken wir auf das, was wir erreicht haben und stellen keine tieferen Fragen.
 
Werfen wir einen Blick in die nahe Vergangenheit. Die Kriegsgeneration hat Tod und wirkliches Leid gekannt. Die Nachkriegsgeneration mobilisierte ihre Kräfte und schuftete Tag und Nacht am Wiederaufbau. Die Folgegeneration arbeitete am ständigen Fortschritt der Technik und entwickelte Geräte, die jeden Aspekt des Daseins leichter und bequemer machen. Die Devise unserer Eltern und Großeltern war, „Mein Kind soll es besser haben“. Selbstvergessen haben sie alles daran gesetzt, damit uns Not, Mühe und Arbeit erspart bleiben. Sie haben uns verwöhnt und zu Prinzessinnen und Königen gekrönt. Wir sind behütet aufgewachsen, kennen nur die Zeit des Wohlstandes. Wofür sie sich abgemüht haben, darauf erheben wir heute einen Rechtsanspruch und denken, dass uns das geschuldet ist, obwohl wir nie dafür gekämpft haben. Wir haben nie den erzieherischen Wert von Mühe, Arbeit und Not erfahren. 
 
Es ist allgemein anerkannt, dass das Leiden für die sittliche Entwicklung und Charakterbildung unentbehrlich ist. Niemand ist erprobt, ist reif, der nicht Erfahrung hat, der nicht oft seine eigenen Grenzen ausgelotet hat, der gefallen und wieder aufgestanden ist. Wer sich nur selbst gefällt, aber nie den Preis für ein werterfülltes Leben bezahlt hat, täuscht sich und andere.
 
Der frühere Bischof von Rottenburg, Bischof, Dr. Paul Wilhelm von Kettler, zitiert eine Passage des Römerbriefes: „Wir rühmen uns in der Bedrängnis, weil wir wissen, dass die Bedrängnis Geduld bewirkt, die Geduld aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung, und die Hoffnung lässt nicht zu Schanden werden“. (Röm. 5.3) Dann sagt er: „Das Leiden schult den Christen in Geduld, in der Geduld aber wird erst jede Tugend erprobt und bewährt. Die so getestete und bewährte Tugend gibt ein verstärktes Recht, alle Hoffnung auf Gott zu setzen. So erlahmt in der Trübsal des Christen Hoffnung nicht, sie nimmt höheren und freudigeren Flug, getragen von der Geduld, gehoben von der Bewährung der Gottestreue.“
 
Und der hl. Augustinus benutzt ein alttestamentliches Bild, um die erzieherische Notwendigkeit des Leidens zu beschreiben. „Du willst der Kelter der Leiden entgehen? Es ist zu fürchten, dass die Traube, während sie die Kelter fürchtet, von den Vögeln oder wilden Tieren gefressen wird.“
 
Unsere Unfähigkeit, mit den gegenwärtigen Umständen adäquat umzugehen, offenbart, wie weit wir im Kurs „Christliche Kunst des Lebens“ zurückgeblieben sind. Der Herr fällt für uns und steht wieder auf, um weiter zu gehen. Er lädt uns ein, die Perspektive auf unser Leben zu ändern und den Mut zu finden, das Feuer der Prüfung nicht zu fürchten, sondern bereit zu sein, in Seiner Glut geläutert zu werden.