10. Station: Jesus wird seiner Kleider beraubt

Die Soldaten schauen voll Verachtung auf den Herrn. In ihren Augen verdient Er keinen Respekt. Ohne jegliche Scheu kommen sie Ihm nahe, legen Hand an Ihn und berauben Ihn all seiner Würde. Gemeinsam mit der gaffenden Menge spotten sie über Seine Blöße. 

Anstand ist kein moderner Begriff - im Gegenteil! Lange schon ist er negativ belegt. Er erinnert an das bürgerliche 19. Jahrhundert. Das Wort Anstand klingt verstaubt und ist für viele gleichbedeutend mit Kleingeistigkeit oder steht unter dem Verdacht der Heuchelei und Verlogenheit.

Wladyslaw Bartoszewski, geboren 1922, der ehemalige polnische Außenminister überlebte das KZ Auschwitz. Als Häftling mit der Lagenummer 4427 erlebte er das „Gefühl völliger Hilflosigkeit angesichts der Misshandlung von Menschen“, wie er später oft erzählte. Bald nach dem Krieg fand er sich in stalinistischen Gefängnissen.

Der Mann, der die Würde des Menschen durch zwei Diktaturen verletzt sah, veröffentlichte im Rückblick auf ein keineswegs einfaches Leben sein Buch: „Es lohnt sich, anständig zu sein.“ In diesem Buch wird deutlich, dass Anstand mehr ist, als gutes Benehmen. Niemand wird Wladyslaw Bartoszewski als Heuchler oder Kleingeist beschuldigen. Für ihn ist Anstand eine Haltung und Lebenseinstellung, die alle Entscheidungen und Handlungen beherrscht.
 
„Anständig“ ist – dem Wortsinn nach – der Mensch, der Abstand bewahrt. Es gehört zum Wesen des „Anständig seins“, „an zu stehen“, sich Zeit zu nehmen. Die ehrfürchtige Distanz ermöglicht es, das Gegenüber wahrzunehmen. Gleichzeitig erlaubt die Zeit, sich selbst Rechenschaft über Gefühle und Motivation geben. Nur geduldiges, aufmerksames Anschauen, Wahr- und Aufnehmen befähigen uns, den anderen in seinem Wesen und seiner Würde zu erfassen. So erkenne ich meinen Nächsten losgelöst von mir selbst und betrachte ihn objektiv und bin ich in der Lage, mich der Situation angemessen zu verhalten. Das Wort „Respekt“ leitet sich vom lateinischen „respicere“, sich umblicken, zurückblicken, ab. Auch Respekt verlangt, gleich wie Anstand, nach Zurückhaltung. Wladyslaw Bartoszewski fasst die Haltung zum guten Miteinander, wie folgt zusammen: „Wer anständig bleibt, der erkennt im anderen den, der er selber ist: einen Menschen. Diesen Anstand zu beachten rührt also aus einer Selbstachtung.“

John Locke, Philosoph, Aufklärer und „Vater des Liberalismus“ kritisiert seine Zeit in diesem Punkt. Wo er Anstand fordert, sagt er: „Die Indianer, die wir als Barbaren schelten, beobachten in ihren Gesprächen und Unterhaltungen weit mehr Anstand und Höflichkeit als wir: Man hört einander stillschweigend an, bis der eine ausgeredet hat und dann antwortet der andere gelassen und ohne Lärm und Leidenschaft.“

Die Betrachtung des Kreuzwegs zeigt deutlich, wohin Distanzlosigkeit führt: nicht zu Liebe oder wertschätzender Menschlichkeit. Im Gegenteil: zur Respektlosigkeit, Verachtung, Übergriffigkeit, Schamlosigkeit und am Ende zur vernichtenden Grausamkeit, die im Menschen- und Gottesmord ihren Höhepunkt findet!

Die endlose Corona-Diskussion über den richtigen Abstand ist sinnlos, führt sie nicht zurück zum Anstand. Wo Anstand wieder generelle Haltung und akzeptierte Tugend sein wird, tötet er zuerst den Virus der Respekt- und Schamlosigkeit und führt dann zurück zur Ehrfurcht und zum Glauben. Mit Abstand bei unserem Nächsten „an zu stehen“, wird zudem nicht ohne positive Nebenwirkungen auf den Coronavirus bleiben.